8.221 Menschen: Das Ausmaß der rechtswidrigen Inhaftierung ukrainischer Zivilpersonen durch Russland – Ergebnisse des Monitorings
Austausch e.V. präsentiert gemeinsam mit ukrainischen Menschenrechtsorganisationen einen Monitoringsbericht über die rechtswidrige Festhaltung ukrainischer und ausländischer Zivilpersonen durch die Besatzungskräfte der Russischen Föderation. Die Studie wurde im Rahmen des Projekts „Systematische Zusammenarbeit gegen Straflosigkeit“ in Kooperation mit ukrainischen zivilgesellschaftlichen Organisationen – der Expertengruppe „Sova“, dem Zentrum für bürgerliche Freiheiten (CCL), dem „Kriegsarchiv“ – sowie unabhängigen Expert:innen aus Norwegen erstellt.
Autor:innen des Berichts:
Aleksandr Popkov – Jurist (Königreich Norwegen)
Larysa Pylhun – stellvertretende Vorstandsvorsitzende der NGO „Expertengruppe Sova“ (Ukraine)
Mychajlo Sawa – Vorstandsvorsitzender der NGO „Expertengruppe Sova“, Experte des Zentrums für bürgerliche Freiheiten, Doktor der Politikwissenschaften, Professor (Ukraine)
Natalija Jaschtschuk – Senior Managerin der NGO „Zentrum für bürgerliche Freiheiten“ (Ukraine)
Die Autor:innen untersuchten das Problem der rechtswidrigen Inhaftierung ukrainischer Nichtkombattant:innen anhand von vier Informationsquellen: Open-Source-Monitoring (OSINT) – Telegram-Kanäle der Besatzungsverwaltungen und russischer Sicherheitsbehörden, Staatsmedien und Gerichtsregister; die Auswertung russischer Strafverfahren; Interviews mit freigelassenen Zivilpersonen und Kriegsgefangenen; sowie Eingaben von Familien Vermisster.
Hauptschlussfolgerung der Autor:innen: Die systematischen Menschenrechtsverletzungen an ukrainischen Zivilpersonen und Kriegsgefangenen sind keine Exzesse einzelner Täter, sondern eine gezielte Staatspolitik des russischen Regimes, die als Staatsterror bezeichnet werden kann. Ihr Ziel ist die Festigung der Kontrolle über die besetzten Gebiete durch die Schaffung einer Atmosphäre der Angst.
Die Studie zeigt, dass das russische Regime ein System quasi-rechtlicher Akte geschaffen hat, auf deren Grundlage die rechtswidrige Freiheitsentziehung von Ukrainer:innen formalisiert wird. Diese Regelungsdokumente wurden nicht veröffentlicht, weshalb ihre Anwendung nicht nur den internationalen Verpflichtungen Russlands, sondern auch seiner eigenen Verfassung widerspricht. Rechtliche Grundlage für die Festhaltung von Menschen sind Anordnungen der Militärkommandanten – Struktureinheiten der Militärpolizei des russischen Verteidigungsministeriums.
Die Autor:innen betonen: Die Freilassung der Menschen und die Verbesserung ihrer Haftbedingungen sind nur durch Zwang gegenüber Russland möglich – durch strafrechtliche Verfolgung in der Ukraine, die Anwendung des Weltrechtsprinzips durch andere Länder sowie Sanktionen gegen die verantwortlichen staatlichen Strukturen: die Militärpolizei des russischen Verteidigungsministeriums, den FSB und den FSIN (Föderaler Strafvollzugsdienst). Die Resolutionen des Europäischen Parlaments von 2025 und 2026 haben erstmals die Möglichkeit eröffnet, sich für EU-Sanktionen gerade gegen diese staatlichen Institutionen einzusetzen – und nicht nur gegen einzelne Amtsträger.
Wichtige Zahlen:
- 8.221 einzigartige Fälle rechtswidriger Inhaftierung dokumentiert im Zeitraum vom 24. Februar 2022 bis 31. Dezember 2025
- bis zu 17.000 Zivilpersonen werden schätzungsweise von Russland im Zusammenhang mit dem Konflikt festgehalten
- rund 1.900 Personen durch verschiedene Quellen an Orten der Zwangsinhaftierung bestätigt
- 1.720 dokumentierte Fälle rechtswidriger Freiheitsentziehung von Frauen (die Jüngste 18 Jahre, die Älteste über 85 Jahre alt)
- über 91 % der freigelassenen Zivilpersonen berichteten von Folter, Misshandlung und sexualisierter Gewalt (Daten des Büros des UN-Hochkommissars für Menschenrechte)
- rund 200 Orte der Zwangsinhaftierung, an denen ukrainische Zivilpersonen festgehalten werden
- 43,2 Jahre – Durchschnittsalter der Inhaftierten; überwiegend sozial und wirtschaftlich aktive Menschen
- 6.511 Fälle der Inhaftierung von Männern
- 75 % der Familien wissen nicht, wo sich ihre Angehörigen befinden; 60 % erhalten überhaupt keine offizielle Information (Umfrage des ukrainischen Journalistenverbands NUJU unter 94 Familien)
- 235.558 Aggressions- und Kriegsverbrechen wurden von der Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine bis Mai 2026 registriert
Unter den Inhaftierten befinden sich Vertreter:innen der Kommunalverwaltung, Beamt:innen, Lehrkräfte, medizinisches Personal, Unternehmer:innen, zivilgesellschaftliche Aktivist:innen und Geistliche. Am häufigsten werden Menschen mit proukrainischer Haltung und Meinungsführer:innen festgenommen, was die Repressionen als gezielte Strategie zur Unterdrückung zivilgesellschaftlichen Engagements kennzeichnet.
Der vollständige Text der Studie ist auf Ukrainisch, Russisch und Englisch verfügbar.
Die Studie wurde mit Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Programms Civil Society Cooperation erstellt.