Flucht, Behinderung und Fürsorge: Deutsch-polnischer Dialog fordert stärkere Unterstützung für ukrainische Geflüchtete mit Behinderungen und ihre Angehörigen
Berlin, 29. Mai 2026 – Am 28. und 29. Mai veranstalteten das INKultur-Team gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung (Warschau) die zweitägige Veranstaltung „Flucht, Behinderung und Pflege: Bedürfnisse, Herausforderungen und politische Prioritäten für Deutschland und Polen“ in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Das Programm umfasste eine öffentliche Podiumsdiskussion sowie einen Expert mit Vertreter aus Deutschland und Polen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die im März 2026 veröffentlichte Studie „Invisible Care, Unmet Needs: The Situation of Ukrainian Caregivers of Persons with Disabilities in the EU“, die im Rahmen des Projekts „It’s Ability“ durchgeführt wurde (Link zur Studie). Die Studie beleuchtet die Situation einer häufig übersehenen Gruppe unter den ukrainischen Geflüchteten: Menschen mit Behinderungen und ihre pflegenden Angehörigen. Sie zeigt erhebliche politische Versorgungslücken auf und dokumentiert die vielfältigen Belastungen, denen Betroffene im Alltag begegnen.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Flucht für Menschen mit Behinderungen und ihre Betreuungspersonen mit besonderen Herausforderungen verbunden sind. Neben psychischen Belastungen, sozialer Isolation und komplexen bürokratischen Verfahren berichteten Befragte von Erschöpfung, Depressionen und sogar Suizidversuchen. Viele fühlen sich durch die aufwendigen Prozesse zur Anerkennung von Diagnosen überfordert, die Voraussetzung für den Zugang zu Wohnraum, Sozialleistungen und Unterstützungsangeboten sind. Gleichzeitig erschweren mangelnde barrierefreie Sprachkurse und fehlende flexible Beschäftigungsmöglichkeiten die gesellschaftliche Teilhabe.
Besonders hervorzuheben ist, dass die überwiegende Mehrheit der pflegenden Angehörigen Frauen sind. Ihre oftmals unbezahlte Care-Arbeit bleibt jedoch weitgehend unsichtbar und wird von den bestehenden Unterstützungssystemen nicht ausreichend anerkannt.
Die Podiumsdiskussion unterstrich die Bedeutung einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen sowie eines koordinierten politischen Handelns auf nationaler Ebene. Zu den Diskussionsteilnehmer gehörten:
- Nataliia Zviagintseva, Projektmanagerin des Projekts „It’s Ability“ bei Austausch e.V.
- Tetiana Goncharuk, Sozialarbeiterin und Menschenrechtsaktivistin, Vertreterin des deutschen Forschungsteams
- Franziska Müller, Fachbereich Migration und Behinderung, AWO Landesverband Berlin e.V.
- Dr. Anna Mogilatenko, Vorstandsmitglied von Sunflower Care e.V.
- Olena Chubar, ukrainische Mutter eines autistischen Kindes, Mitglied einer Unterstützungsgruppe für ukrainische Eltern von Kindern mit Behinderungen sowie Projektassistentin bei der Hilfsorganisation Opora.
Aus Polen nahmen außerdem teil:
- Dr. Monika Nowicka, Soziologin und stellvertretende Leiterin der Soziologie-Abteilung an der Civitas University
- Paulina Sobolewska, Koordinatorin des Projekts „It’s Ability“ in Polen
- Iryna Zozulya, ukrainische Geflüchtete und Mutter von zwei Kindern mit Behinderungen
Moderiert wurde die Veranstaltung von Oleksandra Bienert, Leiterin des CineMova Ukrainian Empowerment Network e.V., Historikerin, Fotografin und Menschenrechtsaktivistin.
Am zweiten Veranstaltungstag kamen Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Kommunen, Bezirksämtern sowie der Botschaft der Ukraine in Berlin zu einem Expertenaustausch zusammen. Ziel war es, gemeinsame Lösungsansätze zu entwickeln und konkrete politische Forderungen zu formulieren, die den Rechten von Geflüchteten mit Behinderungen und ihren Angehörigen gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention Rechnung tragen.
Die Teilnehmenden forderten insbesondere:
- die Einrichtung spezialisierter Unterstützungs- und Entlastungszentren für pflegende Angehörige von Menschen mit Behinderungen;
- eine schnellere Anerkennung ukrainischer Berufsabschlüsse, insbesondere im Bereich der psychosozialen und psychischen Gesundheitsversorgung;
- in Polen die Entwicklung einer umfassenden Integrationsstrategie sowie nachhaltiger struktureller Lösungen;
- den uneingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung unabhängig vom Status der Anerkennung einer Behinderung.
Darüber hinaus betonten die Expert die Notwendigkeit einer nachhaltigen Finanzierung von Gemeinschaftsorganisationen und Unterstützungsnetzwerken sowie einer engeren Zusammenarbeit zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren.
Zum Abschluss der Veranstaltung erklärte Moderatorin Oleksandra Bienert:
„Es ist wichtig, Menschen als Individuen und Partner zu betrachten und mit ihnen auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.“
Diese Veranstaltung wurde von Austausch e.V. im Rahmen des INKuLtur-Programms, der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie dem Polnischen Forum für Menschen mit Behinderungen im Rahmen des Projekts „It’s Ability!“ organisiert und durch die Europäische Union sowie die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit finanziert.

