Das Projekt

Seit 2018 fördert das DRA-Projekt „INKuLtur“ die Inklusion von Menschen mit Behinderung durch Schaffung von kultureller Teilhabe in verschiedenen Regionen Russlands

Zusammen mit russischen Partnern hat der DRA e.V. das Projekt „INKuLtur“ entwickelt, um für das Thema der kulturellen Teilhabe zu sensibilisieren und die Zugangsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung zu kulturellen Angeboten zu stärken.

Seit Russland im Jahr 2012 die UN- Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, deren Ziel die Beteiligung von Menschen mit Behinderung am gesamten gesellschaftlichen Leben ist, wurden viele Maßnahmen für ein barrierefreies Umfeld in die Wege geleitet. Die meisten davon betreffen allerdings eher elementare Bedürfnisse wie Dienstleistungen und Infrastrukturen. Barrierefreiheit und Inklusion im Bereich Kultur und Freizeitgestaltung hat nach wie vor wenig Priorität, so dass Menschen mit Behinderung aus wesentlichen Teilen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen werden.

Neben dem Fehlen der notwendigen Infrastruktur sind es häufig ideelle Barrieren und der Mangel an Qualifikationen des angestellten Personals, die Menschen mit Behinderung an kultureller Teilhabe hindern. Unsicherheit im Umgang mit Besucher_innen mit Behinderung führen nicht selten zu unangebrachten Reaktionen oder unüberlegten Äußerungen, die für die betroffene Person höchst verletzend und demotivierend wirken können. „INKuLtur“ nimmt daher die Sensibilisierung für die Themen Inklusion und Diversity in den Fokus, um die gesellschaftliche Akzeptanz zu stärken, die Barrieren „in den Köpfen“ der Menschen zu senken und zur kulturellen Teilhabe für alle zu ermutigen.

 

Wie machen wir das?

Es werden Weiterbildungen in Form von Präsenz- und Onlineseminaren angeboten, die sich speziell an Mitarbeitende von Kultureinrichtungen richten. Durch verschiedene Referent_innen aus Russland und Deutschland mit und ohne Behinderung wird speziell zum Umgang mit verschiedenen Bedürfnissen geschult und Austausch und Best-Practise-Transfer ermöglicht.

Des Weiteren wird ein umfassendes Konzept zur Umsetzung von inklusiven Strukturen in drei Arten von Kultureinrichtungen – Kinos, Theater und Museen – entwickelt. Dieser „Bausteinkatalog“ wird durch eine Gruppe von Expert_innen aus dem sozialen Bereich, den Bereichen Kunst und Kultur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft erarbeitet, an dessen Ende die Vergabe von Inklusionslabeln steht, die verschiedene Aspekte von Barrierefreiheit und inklusiven Strukturen berücksichtigen.

Darüber hinaus wird eine barrierefreie russischsprachige Webseite entstehen zu inklusiven Angeboten im Bereich Kultur. Sie soll als überregionale Internetplattform der Vernetzung und des Informationsaustausches von Menschen mit Behinderung, Angehörigen und Interessierten, Aktivist_innen und Fachleuten in den Bereichen Inklusion und Kultur dienen und damit die Ziele des Projektes „INKuLtur“ unterstützen.

 

Weitere Informationen zum Projekt:

Kurzbiografien der Expert_innen

Andrej Afonin

Vorsitzender der Moskauer überregionalen Organisation zur Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung und psychophysischen Beeinträchtigungen „Chancengleichheit“. Gründer, künstlerischer Leiter und Regisseur des Integrativen Theaterstudios „Krug II“ (Kreis II) in Moskau. Vorstandsmitglied des Zusammenschlusses von Akteuren im Bereich inklusiver Kunst in Russland, Spezialist für soziale und kulturelle Rehabilitation, Theaterlehrer, Schauspieler. Lebt und arbeitet in Moskau.

Karina Chupina

Senior-Trainerin und Beraterin des Europarats zu Fragen von Behinderung und Organisationsentwicklung, unabhängige Expertin für Inklusion, Entwicklerin inklusiver Methoden, Autorin verschiedener Handbücher und Handlungsempfehlungen, Schwerpunkte Jugendbereich und Rechte von Menschen mit Behinderung. Lebt und arbeitet in Berlin.

Julia Galagusowa

Doktor der Erziehungswissenschaften, Professorin, Leiterin des Lehrstuhls für Erziehungswissenschaften an der Uraler Staatlichen Pädagogischen Universität. Tätigkeiten als Expertin in verschiedenen u.a. internationalen Projekten zur Aus- und Weiterbildung für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung sowie Projekte zur Vermittlung und Umsetzung von Inklusion. Lebt und arbeitet in Jekaterinburg.

Vlad Kolesnikov

Vlad Kolesnikov, aufgewachsen in dritter Generation gehörloser Eltern, Gehörlosen-Sonderpädagoge, Übersetzer für russische Gebärdensprache, Kurator für Zugänglichkeitsprogramme des Staatlichen Historischen Museums Moskau. Er lebt und arbeitet in Moskau.

 

 

Hier finden Sie Neuigkeiten aus dem Projekt:

Erstes Treffen der Expertengruppe in Pskow

Oktober 2018:

Im Oktober 2018 traf sich in Pskow zum ersten Mal die Expertengruppe zur Erarbeitung eines Konzeptes zu Barrierefreiheit in Kultureinrichtungen. Das Treffen war Teil des DRA-Projektes INKuLtur, das im Juni 2018 offiziell startete.

Die vier Expert/innen werden bis Herbst 2019 unterschiedlichste Barrieren in Kultureinrichtungen in Russland analysieren und Umsetzungsmöglichkeiten von inklusiven Strukturen erarbeiten – zunächst für die Sparten Theater, Museen und Kinos. Dabei ist insbesondere die Arbeit mit einem breiten Inklusionsverständnis wichtig, das Inklusion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht und die Teilhabe von allen Menschen meint.

Teil der Kern-Expertengruppe sind Andrej Afonin, Leiter und Regisseur des integrativen und russlandweit bekannten Theaterstudios „Krug II“, Julia Galagusowa, Professorin aus Jekaterinburg, die verschiedenste inklusive Projekte umgesetzt hat, Vlad Kolesnikov, ein Gehörlosen-Sonderpädagoge und Kurator für Zugänglichkeitsprogramme des Staatlichen Historischen Museums in Moskau sowie Karina Chupina, eine deutsch-russische Expertin für Inklusionsfragen und Beraterin des Europarats zu Behindertenrechtsaspekten. Hinzugezogen werden im Laufe des Prozesses unterschiedlichste Berater/innen, die die Konzeptarbeit konsultativ unterstützen.

In Pskow wurde zwei Tage lang intensiv an den Grundlagen des Konzeptes gearbeitet und wichtige Schritte vereinbart. Das nächste persönliche Treffen wird vom 11. bis 15. Februar in Berlin stattfinden, an dessen Ende eine öffentliche Podiumsdiskussion mit deutschen Expert/innen stehen wird (13. Februar 2019).

Runder Tisch in Sankt Petersburg: Inklusive Praxis in Museen

Oktober 2018:

Was bedeutet «Inklusion» in Museen, wie werden Kulturmitarbeitende und Freiwillige auf die Arbeit mit Menschen mit Behinderung vorbereitet, wie kann ein gemeinsames Verständnis von «Inklusion» und «Zugänglichkeit» entwickelt werden? Diese und andere Fragen diskutierten Vertreter_innen von Museen, Kultureinrichtungen und Kulturprojekten beim Runden Tisch «Inklusive Praxis in Museen». Der Runde Tisch war Teil des VII Sankt Petersburger internationalen Kulturforums, auf dem auch Vertreter_innen von INKuLtur die Möglichkeit hatten, das DRA-Projekt vorzustellen.

Gemeinsam mit Museumsvertreter_innen aus ganz Russland wurden inklusive Umsetzungsmöglichkeiten und Terminologien erörtert sowie über Perspektiven der Weiterentwicklung einer inklusiven Gesellschaftskultur diskutiert. Hervorzuheben ist insbesondere das Interesse der Teilnehmenden des Runden Tisches an Fragen des intellektuellen und kommunikativen Zugangs zu Museen für Menschen mit Behinderung.

„Neben dem Fehlen der notwendigen Infrastruktur sind es häufig ideelle Barrieren und der Mangel an Qualifikationen des angestellten Personals, die Menschen mit Behinderung an kultureller Teilhabe hindern. Unsicherheit im Umgang mit Besucher_innen mit Behinderung führen nicht selten zu unangebrachten Reaktionen oder unüberlegten Äußerungen, die für die betroffene Person höchst verletzend und demotivierend wirken können“ – bemerkte die «INKuLtur»-Projektkuratorin aus Sankt Petersburg.

Das Projekt «INKuLtur» nimmt daher diese Fragen in den Fokus, um die «Barrieren in den Köpfen» hinsichtlich Menschen mit Behinderung zu senken.

Seminar in Jekaterinburg: Gestaltung inklusiver Strukturen in Kultureinrichtungen

November 2018:

Vom 19. bis 20. November fand im Rahmen des DRA-Projektes INKuLtur in Jekaterinburg das erste Seminar zum Thema „Gestaltung inklusiver Strukturen in Kultureinrichtungen“ statt. Ziel des Seminars war es, Vorstellungen zu den Möglichkeiten der Umsetzung, Realisierung und Einführung von inklusiven Projekten und Programmen in Kultureinrichtungen zu entwickeln. Dafür wurde über Barrieren und deren Überwindung und über gelungene russische und internationale Beispiele gesprochen sowie grundlegende Informationen zum Umgang mit Menschen mit verschiedenen Formen von Behinderung gegeben.

Die Teilnehmenden des Seminars waren Führungskräfte aus Museen, Theatern, Bibliotheken und Kulturzentren aus Jekaterinburg, Omsk, Kurgan, Samara, Barnaul und dem Swerdlowsker Gebiet, offizielle Vertreter_innen aus diesen Gebieten sowie Gäste aus Deutschland. Neben Mechthild Kreuser, der Inklusionsbeauftragten des Sommerblutfestivals in Köln, die als Referentin nach Jekaterinburg reiste, gab es u.a. eine Videoeinschaltung mit Sabine Lienen-Kraft vom Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz und Diana Bisembina aus dem zentralen Ausstellungssaal „Manezh“ in Sankt Petersburg, die jeweils über ihre Erfahrungen sprachen und ihre Arbeit vorstellten.

Die Teilnehmenden nahmen nach diesen zwei Tagen viele neue Eindrücke und Anregungen für ihre Arbeit mit und freuen sich auf die weiterführenden Bildungsangebote – vier Webinare, die sich vertiefend mit den während des Seminars aufgeworfenen Fragen und Themen auseinandersetzen werden. Weitere Präsenzseminare finden Ende Januar in Pskow und im April in Sankt Petersburg statt.

Seminar in Pskow: Weiterbildung von Kulturpersonal zur Umsetzung von inklusiven Strukturen

Januar 2019:

Am 31.01. und 01.02.2019 fand im Rahmen des DRA-Projektes INKuLtur das zweite Präsenzseminar zur Weiterbildung von Kulturpersonal statt. In Pskov trafen sich etwa 35 Vertreter_innen verschiedener Kultureinrichtungen (vornehmlich Führungskräfte aus Museen, Theatern und Bibliotheken) aus den Regionen Sankt Petersburg, Kaliningrad, Archangelsk sowie Pskov und Umgebung.

Die Ziele des Seminars waren, Vorstellungen zu Möglichkeiten zur Umsetzung von inklusiven Strukturen in Kultureinrichtungen zu entwickeln, Barrieren zu erkennen und Lösungen zu deren Abbau zu erarbeiten. Dafür wurden verschiedene Praxisbeispiele vorgestellt, darunter das Historische Museum Frankfurt und die Initiative „Autism friendly“ aus Sankt Petersburg. Die aus Deutschland angereiste Inklusionsexpertin Eeva Rantamo führte einen Workshop durch, wie ohne Budget Barrieren in Kultureinrichtungen abgebaut werden können, wofür die Teilnehmenden eigene Ideen für ihre Einrichtungen entwickelten.

Ein weiteres Ziel des Seminars war es, sich mit verschiedenen Arten von Behinderung auseinanderzusetzen und eine größere Sensibilisierung im kommunikativen Umgang zu erlangen. Dafür berichteten selber Betroffene von ihren Erfahrungen und gaben praktische Hinweise, etwa für die Verwendung von Begrifflichkeiten. In einem Training konnten eigene Erfahrungen mit Blindheit und eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten gemacht werden.

Die Teilnehmenden nahmen viele neue Eindrücke und Anregungen für ihre Arbeit mit und freuen sich auf die weiterführenden Bildungsangebote – vier Webinare im Frühling, die sich vertiefend mit dem Thema auseinandersetzen. Ein weiteres Präsenzseminar findet im April in Sankt Petersburg statt.

Podiumsgespräch in Berlin: Barrierefreiheit und Inklusion in Kultureinrichtungen?

Februar 2019:

Am 13.02.2019 fand im Rahmen des DRA-Projektes INKuLtur ein Podiumsgespräch mit russischen und deutschen Expert/innen in der Bibliothek am Luisenbad in Berlin statt. Geladen waren Gäste aus dem Sozialbereich, den Bereichen Inklusion und Kultur sowie Interessierte am deutsch-russischen Austausch.

In dem von Anja Kretzer (Projektleiterin INKuLtur) und Julia Galagusova (Pädagogische Universität Jekaterinburg) moderierten Gespräch wurde zunächst diskutiert, was Inklusion in Kultureinrichtungen bedeutet und in welchem Verhältnis die Begriffe Inklusion, Barrierefreiheit und Zugänglichkeit zueinander stehen. Anschließend sprachen die Expert/innen über Schwierigkeiten und Hürden bei der Schaffung eines inklusiven Umfelds in Kultureinrichtungen und welche Wege der Umsetzung es aus ihrer Sicht gibt.

Anne Rieger, Produktionsleiterin von „Making a Difference“, erzählte von ihren Erfahrungen aus England und den Prozessen der Umsetzung in den Sophiensaelen in Berlin. Kultureinrichtungen in Großbritannien seien sehr fortschrittlich in Bezug auf inklusive Maßnahmen, etwa bei Audiodeskriptionen, Tastführungen oder sog. Relaxed Performances, die sich insbesondere an Menschen mit Autismus richten. Hierbei werden Möglichkeiten zu individuellen Pausenzeiten gewährt, Ruhebereiche eingerichtet, auf sanfte Licht- und Tonwechsel geachtet und es darf während der Vorstellung gesprochen werden.

Andrej Afonin, Leiter und Regisseur des integrativen Theaterstudios „Krug II“ (Kreis II) aus Moskau, berichtete von seiner 30 Jahre langen Erfahrung im inklusiven Theaterbereich mit Menschen mit geistiger Behinderung. Als unbedingte Voraussetzung für diese Arbeit nannte er das Interesse am Menschen und den Willen, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen und zu verstehen.

Vlad Kolesnikov, Kurator für Zugänglichkeitsprogramme am Staatlichen Historischen Museum in Moskau, betonte als selber Betroffener die Wichtigkeit, Übersetzung in Gebärdensprache oder beispielsweise Führungen in Museen von gehörlosen Menschen anzubieten. Dies verändere die öffentliche Wahrnehmung in Bezug auf Menschen mit Hörbehinderung maßgeblich, so Kolesnikov.

Stefanie Wiens, Leiterin von <Platz da!> zur barrierefreien Kulturvermittlung und Prozessbegleitung für Inklusion in Berlin, betonte die Vielfältigkeit, die durch Inklusion und durch die Einbeziehung unterschiedlichster Perspektiven im Kulturbereich entsteht. Erst durch die Teilnahme von Menschen mit Behinderung werden viele Barrieren häufig erst sichtbar und die Expert/innen in eigener Sache können am besten darüber Auskunft geben, wie diese abgebaut werden sollten. Abschließend forderte Stefanie Wiens mehr Druck von Seiten der Politik hinsichtlich der Umsetzung von Barrierefreiheit und Zugänglichkeit.

Im Anschluss an das Podiumsgespräch konnte das Publikum Fragen stellen, wodurch weitere Blickwinkel und Erfahrungen geteilt wurden. Das Gespräch wurde im informellen Rahmen im Anschluss an die Veranstaltung fortgesetzt.

 

Partner des Projektes „INKuLtur“

Hauptpartner des Projektes in Russland sind das in Jekaterinburg und im Swerdlowsker Gebiet tätige unabhängige und nicht-kommerzielle sozialpädagogische Kulturzentrum „Blagoe delo“, der gemeinnützige Elternverein von Kindern mit Autismus "Ja i ty" in Pskow sowie in Sankt Petersburg die unabhängige nicht-kommerzielle Organisation „Petersburger kulturelle Praxis“, die eng mit dem inklusiv arbeitenden zentralen Ausstellungssaal „Manege“ zusammenarbeitet.