DRA Newsletter September 2013


Liebe Leserinnen und Leser des DRA-Newsletters,

hiermit informieren wir Sie über die internationale Projektarbeit sowie aktuelle Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Ausschreibungen des DRA/Berlin (www.austausch.org) sowie in einer Auswahl über die Aktivitäten unserer Partnerorganisation DRA/St. Petersburg (www.obmen.org)

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Inhalt

1) Greenpeace-Aktivisten aus russischer U-Haft freilassen!

Der DRA fordert die unverzügliche Freilassung der Besatzungsmitglieder des Greenpeace-Schiffes „Arctic Sunrise“, die bereits am 19. September nach einer Aktion gegen die Gasprom-Plattform „Priraslomnaja“ von russischen Sicherheitskräften festgenommen wurden. Der Versuch von Greenpeace-Aktivisten, auf die Ölbohrplattform in der Barentsee zu gelangen, ist juristisch umstritten. Doch ein Festhalten der gesamten Besatzung aus 19 Ländern über eine so lange Zeit ist ebenso unangemessen wie die Strafandrohung nach dem Paragraphen für „Piraterie“, die zu langen Haftstrafen führen kann. Unhaltbar ist auch die Festsetzung des Journalisten und Fotografen Denis Sinjakov. Der Konflikt, von russischer Seite mit demonstrativer Härte geführt, droht nur der Vorbote zu sein für absehbare weitere Auseinandersetzungen um die großen wirtschaftlichen Potentiale, aber auch enormen ökologischen Risiken und daher notwendigen Grenzen einer künftigen Nutzung der Arktis, deren Eisbedeckung aufgrund des Klimawandels immer mehr verloren geht. Die russischen Behörden zeigen sich – wie zuletzt bei der Vorbereitung der Winterolympiade im Schwarzmeerkurort Sotschi – erneut unwillig und unfähig, die Notwendigkeit solcher Debatten, Untersuchungen und nachfolgend auch der Einschränkungen für nationale Projekte zugunsten des Erhalts sensibler Naturräume zu akzeptieren. Sie stehen damit in der Welt leider keineswegs allein – aber die internationale Gemeinschaft ist aufgerufen, dafür zu sorgen, dass diese Diskussionen trotz allem geführt werden und Umweltschädigungen so weit wie möglich verhindert werden.

2) Berliner Philharmonie, 7.10.2013: Konzert „To Russia With Love” für die Menschenrechte in Russland mit G. Kremer, D. Barenboim, M. Argerich, G. Kancheli und weiteren namhaften Künstlern – DRA beteiligt sich

Weltstars der Klassik setzen am 7.10. im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie mit einem von dem Violinisten Gidon Kremer initiierten Konzertabend (Musikprogramm mit Lesung) ein Zeichen der Solidarität mit der russischen Zivilgesellschaft, verbunden mit der Forderung nach Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte im heutigen Russland. Dazu lädt der DRA als beteiligte Organisation hiermit noch einmal herzlich ein. Das Konzert beginnt um 20 Uhr. Bereits ab 18 Uhr bietet im Foyer ein NGO-Infoforum (federführend: Amnesty International) Informationen zur Zivilgesellschaft und Menschenrechtslage in Russland. Hier wird der DRA neben seiner eigenen Arbeit v.a. den Fall der unlängst zu einer hohen Geldstrafe verurteilten russischen LGBT-Organisation „Bok o Bok“ („Seite an Seite“) und die Tätigkeit des von ihm mit gegründeten Zivilgesellschaftsforums EU-Russland (CSF) dokumentieren. Um 18.30 Uhr beginnt außerdem ein Podiumsgespräch unter dem Titel „Wir lassen uns nicht unterkriegen – Russlands Zivilgesellschaft unter Druck“ mit Swetlana Gannuschkina (Leiterin des Beratungsnetzwerks „Migration und Recht“ von Memorial und der Flüchtlingshilfe-NGO „Civic Assistance“), Peter Franck (Russlandexperte Amnesty International) und Astrid Frohloff (TV-Moderatorin, Vorstandssprecherin von „Reporter ohne Grenzen“). Der Eintritt zum NGO-Infoforum einschl. Podiumsgespräch ist kostenlos.

3) 15.11.2013, 10-19 Uhr: 18. Deutsch-Russische Herbstgespräche zu Migrationspolitik – Achtung: Terminänderung!

Dem Thema „Zuwanderer, Emigrantinnen, Gastarbeiter“ widmen sich die 18. Deutsch-Russischen Herbstgespräche, die der DRA erneut in Kooperation mit der Evangelischen Akademie zu Berlin und mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet. Anders als in den Vorjahren findet die Tagung in diesem Jahr konzentriert an einem Tag statt – am 15. November von 10-19 Uhr in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt. Dazu laden wir alle Interessierten herzlich ein. Beteiligt sind Vertreter_innen wichtiger Bürgerinitiativen und Behörden sowie Analyst_innen und Politiker_innen aus Russland und Deutschland – darunter Prof. Barbara John (Vorsitzende des Paritäters Berlin, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer und frühere Ausländerbeauftragte des Senats), Swetlana Gannuschkina (Memorial und NGO „Civic Assistance“, Moskau), Prof. Olga Potjemkina (Leiterin der Abteilung „Politische Integration“ am Europa-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau) und andere namhafte Expert/innen. Sie werden Erfahrungen, Probleme, Perspektiven und Lösungsansätze in der Migrations- und Integrationspolitik beider Länder erörtern, darunter die Arbeitsmigration, die in beiden Ländern mit dem Begriff „Gastarbeiter“ verknüpft ist, und die jüngste starke Zuwanderung aus Tschetschenien nach Deutschland. Deutschland wie Russland sind bedeutende Einwanderungsländer, deren Zukunftsfähigkeit sich nicht zuletzt an einer erfolgreichen und konstruktiven Migrationspolitik bemisst. Die Tagung wird simultan gedolmetscht.

4) Grenzen überwinden: CSF-Veranstaltung zu Visaverhandlungen EU-Russland

Im Namen des EU-Russland-Zivilgesellschaftsforums (CSF) laden der DRA und die NGO-„Koalition für ein visafreies Europa“ („Visa-free Europe Coalition“) am 5. November, 18 Uhr, in Moskau in die Higher School of Economics (ul. Myasnitskaya 20) zu einer Podiumsdiskussion mit Experten und Akteuren zum Thema „Grenzen überwinden: Der EU-Russland-Dialog zu Visaerleichterungen und –liberalisierung“ („Overcoming Borders. The EU-Russia Dialogue on Visa Facilitation and Liberalization“). Zu Beginn wird die internationale Visa-Expertengruppe des CSF ihren seit April 2013 erarbeiteten Bericht präsentieren. Er berücksichtigt sowohl die zivilgesellschaftliche als auch die politische Perspektive auf den EU-Russland-Visadialog und will damit der Diskussion neue Impulse verleihen und die Gespräche voranbringen. Das CSF selbst tritt für Visaerleichterungen und letztlich die Aufhebung der Visapflicht ein, um den Austausch zwischen den Bürgern der EU und Russlands zu stärken und zu intensivieren. Daneben stehen die Sichtweisen russischer und europäischer Politiker und Behördenvertreter, die aufgrund ihrer Mitwirkung an den komplexen Visa-Verhandlungen die Chancen und Hindernisse auf dem Weg zu einer Visaliberalisierung genau kennen. Auch die Diskussion im Anschluss an die Vorstellung des Berichts wird zivilgesellschaftliche und politische Aspekte der Visathematik zusammenführen. Eingeladen sind Aleksey V. Klimov (Stellv. Leiter der Konsularabteilung des russischen Außenministeriums), Yuri Dzhibladze (Präsident des Zentrums für die Entwicklung von Demokratie und Menschenrechten, Moskau), Jakub Benedyczak (Stefan-Batory-Stiftung, Leiter des Projekts “Koalition für ein visafreies Europa”, Warschau) und weitere Fachleute aus der EU und Russland. Aufgrund begrenzter Räumlichkeiten sind Interessierte gebeten, sich für die Veranstaltung per Mail unter visaevent@eu-russia-csf.org anzumelden. Bitte geben Sie dazu Ihren Vor- und Nachnamen, die Bezeichnung Ihrer Organisation und Ihre Kontaktdaten (Telefonnummer und/oder Mailadresse) an. Die Projektkoordinatorin Kristina Smolijaninovaite erteilt unter der o.g. Email-Adresse gern weitere Auskünfte. Die Arbeit der Visa-Expertengruppe des CSF wird durch die EU und die Robert Bosch Stiftung gefördert.

5) 4.-7.10.2013: Generalversammlung des EU-Russland-Zivilgesellschaftsforums (CSF) in Den Haag

Vertreter/innen von über 50 russischen Nichtregierungsorganisationen kommen vom 4.-7. Oktober nach Den Haag, um sich dort bei der nächsten Generalversammlung des EU-Russland-Zivilgesellschaftsforums (CSF) mit Kolleg_innen aus in der EU ansässigen NGOs auszutauschen. Schwerpunktthemen sind die Kooperation zwischen NGOs aus der Europäischen Union und Russland sowie die aktuellen zwischenstaatlichen Beziehungen beider Seiten. Das Forum berät über seine Tätigkeit 2014/15, resümiert bisherige Projekte und wählt den Koordinationsrat des Forums neu, dem bisher auch Stefan Melle vom DRA angehört. Zudem ist die Konstituierung mehrerer neuer Arbeitsgruppen geplant. Die Ergebnisse der Versammlung werden am 7. Oktober öffentlich vorgestellt und von offiziellen Repräsentanten beider Seiten kommentiert. Dabei wird die Russische Föderation durch Michail Fedotov, den Vorsitzenden des Menschenrechtsrates beim russischen Präsidenten, vertreten, die EU durch Luis Felipe Fernándes de la Peña, Direktor des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS) für Europa und Zentralasien. Des Weiteren wird auch der niederländische Außenminister Frans Timmermans bei der Veranstaltung sprechen. Unterdessen stehen viele der teilnehmenden russischen Organisationen unter wachsendem Druck seitens der russischen Regierung, darunter die Wahlrechtsorganisation “Golos”, die Moskauer Helsinki-Gruppe, das russische LGBT-Netzwerk sowie das Menschenrechtszentrum (Moskau) und das Antidiskriminierungszentrum von Memorial St. Petersburg. Genauere Informationen zur Jahrestagung und zum Forum unter www.eu-russia-csf.org. Mitglied des CSF können alle zivilgesellschaftlichen Organisationen werden, die an der Zusammenarbeit EU-Russland interessiert sowie unabhängig sind und von mindestens zwei CSF-Mitgliedern Unterstützung erhalten. Die Durchführung der CSF-Generalversammlung wird von der EU, aus Programmmitteln des Russisch-Niederländischen Jahres und durch weitere Förderer unterstützt.

6) Erfolgreiche EU Study Week in Vyborg – nächstes Seminar: 11.-13.10.2013 in Nischnij Novgorod

Im Auftrag der EU-Delegation in Russland veranstaltete der DRA (SPb./Bln.) vom 26.-30. August in Vyborg nahe der finnischen Grenze eine EU Study Week zum Thema „Regionale und grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland“, an der 36 Studierende und Promovierende aus Nordwestrussland, Finnland und Litauen teilnahmen. Geboten wurden Vorträge und Diskussionen zu aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen der Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland mit herausragenden Referent_innen aus Wissenschaft und Politik aus Finnland, Lettland, Litauen, Deutschland und Russland, darunter Prof. Irina Busygina (Universität Moskau), Knut Fleckenstein (MdEP, Vorsitzender der Russland-Gruppe im Europaparlament) und Søren Liborius (Leiter der Presse- und Informationsabteilung den EU-Delegation in Russland). Der Geschäftsführer des DRA/Bln., Stefan Melle, informierte zu Themen, Formaten, Chancen und Hindernissen der bürgerschaftlichen Kooperation zwischen der EU und Russland. Bei der interaktiven Rallye „Europäische Spuren in Vyborg“ begaben sich die Teilnehmer_innen unter Führung von Elena Razumovskaya (DRA/SPb.) und Sergey Tereshenkov (IGA Perm) auf die Suche nach dem schwedischen, finnischen, deutschen und russischen Vyborg sowie nach der Kultur und dem modernen Gesicht der Stadt. Angeboten wurden ferner ein Workshop zum Thema Projektentwicklung und -management, vor allem bezüglich des ENPI (European Neighbourhood and Partnership Instrument), sowie ein kreativer Workshop zur „Stencil“- oder Schablonen-Kunst. Die nächste EU Study Week findet vom 11.-13. Oktober in Nischnij Novgorod statt. Studierende und Promovierende aus dem Föderalbezirk Wolga können sich nur noch bis heute für die Teilnahme bewerben.

7) Pressekonferenz in St. Petersburg zu EU-Russland-Visafragen mit DRA-Beteiligung

Warum stocken die Verhandlungen der EU und Russlands zur Visaerleichterung und Visafreiheit? Besteht auf politischer Ebene überhaupt ein Interesse daran? Welche Chancen bestehen derzeit? Diesen Fragen widmete sich eine vom Presseklub Grüne Lampe und dem Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Staatlichen Universität (SPb.) veranstaltete Pressekonferenz am 27. August in St. Petersburg, bei der mehrere Referent_innen der EU-Study Week des DRA in Vyborg (s.o.) erneut zusammenkamen. Knut Fleckenstein (SPD, Abgeordnetengruppe des EU-Parlaments für die Zusammenarbeit mit der Duma) betonte, dass die EU Visaerleichterungen wünsche – doch hätten einzelne Mitgliedsstaaten und vor allem deren Innenpolitiker weiter Vorbehalte. Auch habe die nachträgliche russische Forderung nach Visafreiheit für Dienstpassinhaber die Unterzeichnung des fertigen Abkommens über Visaerleichterungen verhindert. Søren Liborius, Leiter der Informationsabteilung der EU-Delegation in Russland, verwies darauf, dass Mitgliedsländer aufgrund der Wirtschaftskrise in der EU einerseits unkomplizierte Einreisebedingungen für zahlungskräftige Touristen aus Russland wünschten, andererseits sie noch mehr als sonst eine ungeregelte Zuwanderung fürchteten, die die Sozialkosten erhöhen könnte. Aigul Sembaeva und Stefan Melle stellten seitens des DRA (St. Petersburg bzw. Berlin) Vorschläge und Forderungen aus der Zivilgesellschaft vor. Dazu gehören die Einrichtung gemeinsamer EU-Konsulate in den russischen Regionen, um Wege für Antragssteller zu verkürzen, außerdem eine zur NGO-Arbeit passende Visakategorie, die Abschaffung von Registrierungspflichten und territorialen Begrenzungen in Russland, die ungehinderte Vergabe längerfristiger Freiwilligenvisa u.v.a. Umstritten blieb die von Olga Potemkina (Institut für Europäische Integration der Russischen Akademie der Wissenschaften) formulierte Vermutung, dass letztlich beide Seiten den entscheidenden Schritt zur Visafreiheit scheuten – auch die russische Regierung fürchte z.B. eine starke Auswanderung, und das, obwohl zur Zeit nur zehn Prozent der russischen Bevölkerung überhaupt über Auslandsreisepässe verfügten.

8) RNEI bei Vorbereitungskonferenz russischer NGOs für UN-Klimagipfel in Warschau

Über 50 Vertreter_innen nicht-kommerzieller Organisationen und gesellschaftlicher Initiativen aus mehr als 30 Regionen Russlands befassten sich am 22./23. August in Puschkin bei St. Petersburg mit Fragen der internationalen Klimapolitik einschließlich der von Russland vertretenen Positionen sowie mit Fragen der Energieeffizienz, der Nutzung von Kernenergie und der Umwelterziehung in Russland. Die Leiterin des aus einem DRA-Projekt hervorgegangenen Russisch-Deutschen Büros für Umweltinformation (RNEI), Angelina Davydova, beteiligte sich an dem Expertenaustausch mit einem Vortrag zum Fortgang der UN-Klimaverhandlungen. Im Hinblick auf den nächsten UN-Klimagipfel, der im November in Warschau stattfindet, formulierten die Teilnehmer_innen gemeinsame Positionen, Ziele und Erwartungen. So forderten sie dazu auf, die staatlichen Zielsetzungen beim Klimaschutz von der bisher avisierten 25%-Senkung der Treibhausgas-Emissionen gegenüber dem Stand 1990 auf 50% anzuheben sowie eine Detailplanung für die dazu notwendigen Schritte auszuarbeiten, außerdem die Bevölkerung mit einer Infokampagne über leicht realisierbare Energiesparmaßnahmen im Wohnsektor aufzuklären sowie in der Subventionspolitik von der Atomindustrie und fossilen Energieträgern hin zur Stärkung erneuerbarer Energien umzusteuern. Das Dokument ist HIER auf Russisch nachzulesen. Außerdem wurden gemeinsame Kampagnen in den Bereichen Energieeffizienz und Klimaschutz vereinbart. Das Treffen wurde vom norwegischen Norges Naturvernforbund unterstützt. Die Arbeit des RNEI wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und dem Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) gefördert.

9) Jugendaustausch-Trägerkonferenz in Moskau: Viele Ideen, viele Aktive, zu wenig Geld

Erstmals seit 2010 lud kürzlich das Russische Koordinationsbüro für den deutsch-russischen Jugendaustausch zu einer Trägerkonferenz ein. Vom 18.-22. September trafen sich in Moskau je 25 russische und deutsche Veranstalter von Austauschmaßnahmen, darunter der DRA Berlin. Ein Präsentationsabend zeigte erneut die enorme Fülle an Themen und Formaten, die sich dank des Einsatzes von Vereinen, Kommunen und Verbänden beider Länder, aber auch der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (SDRJA) in Hamburg entwickelt hat. Neben dem praxisbezogenen Erfahrungsaustausch standen Finanzierungsfragen sowie Einblicke in die russische Förderpolitik im Mittelpunkt. Auf deutscher Seite reichen die 2,8 Mio. Euro Förderung (inkl. 2,0 Mio. Euro aus Bundesmitteln des Kinder- und Jugendplans KJP), die die SDRJA jährlich verteilen kann, trotz der niedrigen KJP-Pauschalen, schon nicht mehr, um alle jährlich über 300 Anträge zu bewilligen. In Russland existiert weiter kein klares föderales Finanzierungsinstrument für den Jugendaustausch mit der Bundesrepublik. Der Vertreter des seit 2012 erneut zuständigen Bildungsministeriums, Oleg Issajev erwartete noch einen „langen Weg“, da es in der russischen Politik und Verwaltung, aber auch der Gesellschaft weiter an Verständnis für die Ergebnisse und Effizienz von Jugendaustausch fehle. Zugleich meinte er freilich, dass die russischen Regionen und Kommunen bereits genug leisteten. Die neue Leiterin für internationale Kooperation bei der Jugendagentur Rosmolodesch, Vera Pronkina, zeigte sich willens, für mehr staatliche Unterstützung einzutreten. Zugleich nannte sie die aktuellen Prioritäten der russischen Regierung in der Jugendförderung – die sich von den auf soziale Inklusion gerichteten in Deutschland deutlich unterscheiden. Dazu zählen die Unterstützung junger Unternehmer, Wissenschaftler, kreativer Talente und künftiger Fachleute für den Staatsdienst, von Nachwuchsjournalisten und -bloggern, die die öffentliche Meinung beeinflussen, ferner der Themen „Sport“ und „gesunde Lebensweise“ sowie auch von Freiwilligen für die Fußball-WM 2018. Russische NGOs berichteten zugleich, dass viele staatliche Förderungen für Initiativen aus dem Dritten Sektor statt über Bewilligungen (Grants) mittlerweile über Internet-Auktionen zum jeweils niedrigsten Preis verteilt werden, bei denen oft sachfremde Mitbieter siegen, die dann den ursprünglichen Initiatoren des Projekts dessen Realisierung offerieren – unter Einbehaltung eines Anteils der Gelder. So hat der Versuch, Korruption zu vermeiden, hier eine neue Form erzeugt und auch schon etliche Jugend- und Fachaustauschbegegnungen unmöglich gemacht. Auf der Konferenz stellte sich direkt nach seiner Amtsübernahme auch der neue Geschäftsführer der Stiftung DRJA vor – es ist Thomas Hoffmann, der bislang die Organisation „DJO–Deutsche Jugend in Europa“ geleitet hat. Der DRA wünscht ihm in seiner neuen Tätigkeit viel Glück und Erfolg bei der Weiterentwicklung der von der bisherigen Geschäftsführerin Regine Kayser und dem SDRJA-Team in großer Vielfalt aufgebauten Stiftungsarbeit!

10) Moskauer Jugendgruppe lernt Sozialunternehmertum und Projekte in Berlin kennen

Im Rahmen der jugendpolitischen Zusammenarbeit der Partnerstädte Berlin-Moskau kamen vom 9.-14. September zehn junge Erwachsene im Alter von 18-30 Jahren aus dem „Moskauer Multifunktionalen Jugendzentrum“ in die deutsche Hauptstadt. Sie hatten an einem Workshop des Zentrums, das zum Kulturdepartement Moskaus gehört, teilgenommen und einen damit verbundenen Ideenwettbewerb zu den Themen Kultur, Soziales, Ökologie und Stadtentwicklung gewonnen. Roman Elsner (DRA) organisierte und betreute die Studienreise im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Das Programm umfasste einen Workshop zum Management von Sozialprojekten an der Alice-Salomon-Hochschule, einen Besuch des Gründerzentrums an der Fachhochschule Potsdam und Begegnungen zu den Themen „alternative Stadtentwicklung“ (im Prinzessinnengarten am Moritzplatz, beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club/Berlin, mit einer Unternehmensberaterin für Sozialunternehmertum). Außerdem lernten sie ein Projekt zur internetbasierten Förderung der Jugendpartizipation (ePartizipation) der „Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik Berlin“, das Wahlprojekt „U18“ in der Jugendfreizeiteinrichtung Bungalow und den Kinder- und Jugendstadtplan für Tempelhof-Schöneberg des Kinder- und Jugendhauses Mariendorf/KiJuM kennen. Dazu kamen Besichtigungen des Reichtags und mehrerer Museen.

11) „Mama, ich bringe dich um“: Kontroverse Diskussion zu Film über russische Heimkinder

Rund 120 Gäste sahen am 29. August die Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms „Mama, ich bringe dich um“ („Mama, ja ubju tebja“) von Elena Pogrebizhskaya, zu der der DRA, Werner Schulz (Europaabgeordneter B‘ 90/Die Grünen) und iDecembrist e.V. im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „OstEUROPA bewegt“ das Berliner Kulturzentrum WABE eingeladen hatten. Der Film fragt nach den Schicksalen, Lebensumständen und Zukunftschancen von Kindern in einem Heim im Moskauer Gebiet. In der anschließenden, von Mischa Gabowitsch (Soziologe und Zeithistoriker, Einstein Forum Potsdam) moderierten Diskussion kamen vor allem aus dem Publikum kritische Nachfragen zur Objektivität des filmischen Blicks und zur Verantwortung von Filmemacher_innen gegenüber von ihnen porträtierten Minderjährigen während solcher Projekte und darüber hinaus. Der in diesem Zusammenhang geäußerte Verweis der anwesenden Regisseurin auf die bei Dokumentarfilmern übliche Arbeitsweise, sich in abgeschlossenen Projekten wechselnden Themen zu widmen, wurde kontrovers aufgenommen. Margarete von der Borch (Gründerin und ehemalige Präsidentin der Behindertenhilfe-NGO „Perspektivy“, St. Petersburg) und Anke Giesen (Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg, Berlin) ermöglichten zusätzliche Einblicke in das Heim- und Fürsorgesystem Russlands, aber auch Deutschlands. Sie machten darauf aufmerksam, dass geschlossene Institutionen generell leicht anfällig für autoritäre Tendenzen seien. Zugleich unterstrichen sie, dass es auch in Deutschland bei den pädagogischen Ansätzen immer wieder Reformbedarf gebe. Werner Schulz und Stefan Melle (DRA) gingen in ihren Statements auf den politischen Hintergrund des Themas ein, das ihm auch Brisanz in den internationalen Beziehungen gab – Ende 2012 löste ein in Russland verhängtes Adoptionsverbot für US-Bürger im Land eine gesellschaftliche Debatte über die bisher vielfach tabuisierten Lebensverhältnisse und Chancen von Heimkindern aus.

12) Comic-Roman „Die Suche“: DRA/Spb. unterstützt Bildungsarbeit zum Holocaust

Im Rahmen des Petersburger Comics-Festivals „Boomfest“ wird vom 26.9.-12.10. im Majakovskij-Zentrum für Kunst und Musik der Comic-Roman für Jugendliche „Die Suche“ von Eric Heuvel präsentiert. Das 2007 unter Beteiligung des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam herausgegebene Werk, das unlängst auch ins Russische übersetzt wurde, handelt von dem jüdischen Mädchen Esther, das die Nazizeit in den Niederlanden überlebt und erst als alte Frau vom Tod der Eltern in Auschwitz erfährt. Bei der Ausstellungseröffnung unterstrich Chantal d’Aulnis (Anne-Frank-Haus), wie gut ein Comic dafür geeignet sei, Jugendlichen das Thema „Holocaust“ näher zu bringen. Boris Romanov (DRA St. Petersburg) verwies u.a. auf die in Russland verbreitete Tabuisierung traumatisch besetzter historischer Themen und darauf, dass hier dem russischen Publikum ein wichtiges neues Format der Auseinandersetzung mit solchen Fragen vorgestellt werde. Der DRA St. Petersburg verwirklicht begleitend zur Ausstellung und als geförderter Partner des Anne-Frank-Hauses ein Seminar für Geschichts- und Sozialkundelehrer_innen über interaktive Methoden zur Vermittlung des Themas Holocaust. Es ist vorgesehen, dass 5 bis 6 der Teilnehmer_innen anschließend den Roman „Die Suche“ im Unterricht einsetzen und dazu didaktisch-methodische Empfehlungen entwickeln. Außerdem werden Schulklassenbesuche der Ausstellung organisiert. Unter der Moderation von Boris Romanov diskutieren ferner am 2. Oktober in der Majakovskij-Bibliothek (Newsky pr. 20) Andrej Akimov (Memorial, Experte für das Thema der Ermordung der Sinti und Roma im 3. Reich), Sergej Ivanov (Anne-Frank-Schule, St. Petersburg) und Leokardija Frenkel (Jüdisches Gemeindezentrum, St. Petersburg) über kulturelle Projekte, die sich gegen die Gefahr einer Leugnung des Holocaust wenden. Weitere Infos zur Ausstellung unter www.boomfest.ru, zum geplanten Bildungsprogramm unter www.obmen.org.