DRA Newsletter Januar 2014


Liebe Leserinnen und Leser des DRA-Newsletters,

hiermit informieren wir Sie über die internationale Projektarbeit sowie aktuelle Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Ausschreibungen des DRA/Berlin (www.austausch.org) sowie in einer Auswahl über die Aktivitäten unserer Partnerorganisation DRA/St. Petersburg (www.obmen.org)

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Inhalt

1) Kommentar: Europäische Verständigung nach Sotschi?

Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele ist es an der Zeit, über dieses Ereignis hinauszudenken. Es geht, zumal angesichts der Konflikte in der Ukraine, jetzt um eine Vision für das seit 25 Jahren angestrebte „gemeinsame europäische Haus“. Für dessen Zukunft scheint wenig vorhersehbar, das hat viel mit der autokratischen Politik in Moskau und auch der wachsenden Distanz zwischen der politischen Klasse in der EU und der russischen Führung zu tun, wie sie der radikal verkürzte bilaterale Gipfel diese Woche illustrierte. Zu Sotschi dagegen ist das meiste längst klar: Vollkommene Sicherheit ist unmöglich, riesige Gelder gingen in oft umweltschädliche Neubauten und oft in Korruption, viele Bürger wurden enteignet und entmündigt, eine Entwicklung der Gesamtregion Nordkaukasus blieb aus. Und um einen Boykott seines Prestigevorhabens abzuwenden, entschärfte Präsident Putin Ende 2013 per Amnestie noch einige politische Probleme. In dieser Situation proklamierte die deutsche Politik mit der Wiederkehr Franz-Walter-Steinmeiers als Außenminister und Gernot Erlers (beide SPD) als Russland-Koordinator nun einen Neustart, der aus einem verständnisvolleren Umgang mit dem Partner Russland erwachsen soll. Was gut klingt, wirft auch Fragen auf: Wen genau meint dies in Russland? Land und Bevölkerung dort sind mit der Regierung nicht identisch, höchst disparat sind auch ihre Erwartungen an die deutsche und europäische Gesellschaft und Politik. Immer wird es ein wohlfeiler Streit bleiben, ob Chodorkovskij wirklich dank „deutscher Geheimdiplomatie“ freikam oder nicht doch erst infolge der jahrelangen internationalen Aufmerksamkeit für die Rechtsbrüche in den Gerichtsverfahren, die auch der bisherige Russland-Koordinator Andreas Schockenhoff (CDU) und die grünen Parlamentarier Marieluise Beck und Werner Schulz thematisierten. Gernot Erler, der zugleich für die GUS-Staaten und Zentralasien zuständig sein wird, ist für seine Arbeit und den integrativen Ansatz viel Erfolg zu wünschen. Entscheidend wird sein, dass es ein Neustart mit offenen Augen wird, der keine Selbstverleugnung in Kauf nimmt. Denn weiter nötig ist zum Beispiel die Aufmerksamkeit dafür, dass die Diskriminierung der Opposition, von Migranten, sexuellen Minderheiten und anderen Gruppen unabhängig von Olympia bisher ungebremst weitergeht, dass das „Agentengesetz“ russische NGOs unverändert von internationaler Kooperation abhalten soll; dass etwa das Anti-Diskriminierungszentrum Memorial St. Petersburg kurz vor Chodorkovskijs Freilassung für seine Arbeit mit Sinti und Roma als „Agent“ verurteilt wurde (siehe HIER) und Evgeny Vitishko von der „Ökowacht Nordkaukasus“ drei Jahre Haft erhielt, weil er gegen Umweltschäden durch Korruption im Gebiet Krasnodar – zu dem Sotschi gehört – auftrat (siehe HIER). Nur Politik, die auch problematische Aspekte der Realität offen benennt (inklusive von Momenten des Versagens der EU), kann einen Weg für Russland und für die Ukraine mit ebnen helfen, der beider Verbindungen zur EU erweitert und zugleich die Rechte und Entwicklungschancen ihrer Bürger stärkt. Wenn diese Politik zudem Barrieren senkt (auch endlich Visa-Hürden), ist sie ein Beitrag zu echter guter Nachbarschaft und Annäherung in einem integrativen Europa.

2) Eröffnung heute, 19 Uhr: Ausstellung mit Bildern vom Massenprotest in Kiev

Der friedliche, gewaltlose Protest auf dem Kiever Maidan ist schon Geschichte – umso eindrücklicher wirken die Fotografien der ukrainischen Künstlerin Yevgenia Belorusets aus dem Zentrum der Massenproteste. Sie werden jetzt in einer vom DRA unterstützten Ausstellung in der Berliner Galerie OKK gezeigt. Etwa 30 Schwarz-weiß-Fotos erzählen vom Leben in improvisierten Zelten, von der Euphorie des Widerstands in den ersten Wochen und von stillen, alltäglichen Momenten. Begleitende Texte ordnen die Motive ein. Die Eröffnung ist am 31. Januar um 19 Uhr im Rahmen des Galerien-Rundgangs in Berlin-Wedding (www.koloniewedding.de), Prinzenallee 29, 13359 Berlin. Bis zum 15. Februar ist die Ausstellung danach von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 15 bis 19 Uhr zu sehen. Am Samstag, 1. Februar, um 19 Uhr, werden Yevgenia Belorusets und der ukrainische Publizist Kyrylo Tkachenko (München) in den Ausstellungsräumen sprechen. Informationen siehe HIER und HIER.

3) „Point of no return“: Experten debattieren Lage in der Ukraine

Scharfe Kritik an der ukrainischen und russischen Führung, aber auch tiefes Unverständnis über das Vorgehen der EU – zwischen diesen Polen bewegte sich die zum Teil emotional geführte Debatte über die Lage in der Ukraine am 23. Januar im Berliner Kulturzentrum WABE. Die Veranstalter DRA, iDecembrists und der EU-Parlamentarier und Osteuropapolitiker Werner Schulz (Grüne/EFA) hatten die ursprünglich zum Thema Gas geplante Podiumsdiskussion in ihrer Reihe „OstEUROPAbewegt“ ganz dem aktuellen Thema gewidmet. Der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Pavlo Klimkin, sprach von einem „Point of no return“: Die Entwicklung in Kiev markiere das Ende der klassischen postsowjetischen Politik. Gleichzeitig verwahrte sich Klimkin gegen Vorhersagen eines Bürgerkrieg oder gar eines Zerfalls des Landes. Indirekt kritisierte der Botschafter die jahrelange zögerliche Verhandlungsführung durch die EU und das Fehlen einer klaren Perspektive für sein Land. Der Russlandexperte und Berater des Gasimportunternehmens Wintershall AG, Alexander Rahr, nannte die Ereignisse in der Ukraine die „größte Krise auf dem europäischen Kontinent seit den Balkankrisen“. Er verwies auf die wirtschaftliche Abhängigkeit des Landes von Russland und auf die unterschiedlichen politischen Ausrichtungen in der Ost- und Westukraine. Hier zeige sich womöglich eine historisch gewachsene Grenze Europas und auch die Grenze der Aufnahmefähigkeit der EU. Unter Applaus aus dem Publikum fragte Rahr, wieso die EU kein Zeichen gesetzt und den Ukrainern die Visafreiheit geschenkt habe. EU-Parlamentarier Werner Schulz räumte Fehler der EU ein. „Wir haben Janukovich vertraut und Putin unterschätzt.“ In der jetzigen Situation die Visapflicht abzuschaffen, sei aber ein falsches Signal und könne eine Fluchtwelle auslösen. Schulz betonte, auch orthodoxe Länder wie Griechenland seien Teil der EU. Er unterstrich die Souveränität der Ukraine und kritisierte scharf die Rolle Russlands. Putin habe „unverschämten Druck“ ausgeübt. Hoffnung setze er jetzt auf die Vermittler-Rolle der EU und auf das 1989 so erfolgreiche Instrument des Runden Tisches. Während der Diskussion meldeten sich zahlreiche Vertreter von NGOs und weitere Gäste, darunter aus der Ukraine, zu Wort. Eine Gruppe junger Frauen enthüllte ein Protestbanner, auf dem die EU aufgefordert wurde, Wirtschaftssanktionen gegen die Ukraine zu verhängen.

4) RNEI: Studie zu Nachhaltigkeit in Russland jetzt auch auf Englisch

Unter dem Titel „Sustainable Development in Russia” ist die Studie des Russisch-Deutschen Büros für Umweltinformationen (RNEI) über nachhaltige Entwicklung in Russland jetzt auch auf Englisch erschienen. Über 30 Autor_innen analysieren das Thema u.a. in Bezug auf Klimapolitik, die ökologische Umgestaltung der Wirtschaft, Umweltbildung, die Beteiligung Russlands an internationalen Projekten sowie einzelne Städte und Regionen (zur STUDIE). Die Redaktion lag in den Händen von Prof. Sergey Bobylev, Renat Perelet sowie von Angelina Davydova, Alexandra Kokoreva (beide RNEI) und Silke Junge (DRA Berlin). Die Studie kann innerhalb Deutschlands beim DRA bestellt werden bei assistenz@rnei.de, nach Vorabüberweisung der Porto-/Versandkosten von 2,00 EUR/Expl., an DRA e.V., Stichwort: RNEI-Studie, Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE83100205000003318100, BIC: BFSWDE33BER. Die Erstellung der Studie wurde von Brot für die Welt, der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt.

5) Jugendliche gedenken der Leningrader Blockade – Daniil Granin beantwortet ihre Fragen

Gespräche mit Überlebenden der Blockade Leningrads und die Gedenkstunde des Bundestages zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – das waren die emotionalen Höhepunkte der diesjährigen Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages. Etwa 80 Jugendliche aus neun Ländern befassten sich ab 21. Januar eine Woche lang in Berlin und St. Petersburg intensiv mit der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, bei der zwischen September 1941 und dem 27. Januar 1944 etwa eine Million Menschen durch Hunger, Krankheiten und Bombenangriffe starben. Der DRA St. Petersburg hatte, neben weiteren Partnern wie Memorial und der Stiftung EVZ, für Programm und Logistik vor Ort umfangreiche Unterstützung geleistet. Besonders beeindruckt zeigten sich die Jugendlichen von den Treffen mit Zeitzeugen, die ihnen von den unmenschlichen Belastungen, aber auch dem Überlebenswillen in der eingeschlossenen Stadt erzählten. Andere schilderten, wie sie für das NS-Regime Zwangsarbeit leisten mussten. In Gedenkstätten und durch Vorträge erfuhren die Jugendlichen zudem mehr über die heutige Erinnerungskultur in Russland. Nach der Rückkehr nahmen sie in Berlin an der traditionellen Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag teil. Es war ein berührender Moment: Daniil Granin, der bereits 95-jährige große Dokumentarist der Blockade, sprach vor den Abgeordneten, Bundespräsident und -regierung offen und detailliert von Hunger, Kälte und den unzähligen Toten – als Beteiligter der damaligen Kämpfe und Helfer in der Stadt. Das größte Verbrechen dieser fast 900 Tage, sagte Granin, sei das bewusste Aushungern der Zivilbevölkerung durch die Nationalsozialisten gewesen, und: Jene, die damals die Kraft fanden, anderen zu helfen, hätten häufiger überlebt. Im Anschluss beantworteten er und Bundestagspräsident Norbert Lammert als Schirmherr der Jugendbegegnung noch die vielen Fragen der TeilnehmerInnen. Dazu gehörte diese: Warum wird die Geschichte der Leningrader Blockade in deutschen Schulen so wenig unterrichtet? Norbert Lammert räumte ein, dass hierbei traditionelle Vorbehalte und die Konzentration auf die Schlacht von Stalingrad in der (einst westdeutschen) Bundesrepublik eine Rolle spielten. Berichte, Interviews, Videos und Fotos zur Jugendbegegnung 2014 siehe HIER. Das Treffen Lammerts und Granins mit den Jugendlichen siehe HIER, Granins Rede im Bundestag HIER. Die Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages findet seit 1997 jeweils in zeitlicher Nähe zum Holocaustgedenktag an wechselnden Orten statt.

6) Neues Angebot beim DRA-Schüleraustausch: Jetzt Betreuer im Sprachlager werden!

Maßgeschneiderte Vermittlung für jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin – darauf zielt das Angebot des DRA im Schüleraustauschprogramm. Jetzt besteht für Schülerinnen und Schüler zusätzlich die Möglichkeit, Erfahrung als Betreuer in einem Sprachlager für russische Kinder zu sammeln. Die BetreuerInnen spielen mit den Kindern, helfen bei der Organisation von Ausflügen und Sportturnieren – und erleben traditionelle russische Ferien. Außerdem vermittelt der DRA Praktikumsstellen etwa in der Petersburger Ermitage, im Mariinskij-Theater, in einem Waisenheim oder in einer Studierendenzeitung. „Wir wollen mit unserem Angebot nicht nur sprachliche, sondern vor allem auch interkulturelle Kompetenzen vermitteln“, betont Programmleiterin Elena Stein. Wichtig ist die Begleitung von Gastfamilie und Austauschschüler durch den DRA und seine Partnerorganisationen. So wird jeder Jugendliche vor Ort in seiner Sprache betreut. Schüleraustausch und Praktika finden in den Städten St. Petersburg, Kaliningrad, Krasnojarsk und Petrosawodsk statt. Die Schüler sollten zwischen 14 und 18 Jahre alt sein und über Grundkenntnisse der russischen Sprache verfügen.

7) Jugendaustausch „Grüne Stadt“ Ende März in Perm: Restplätze für deutsche Teilnehmer_innen

Für den deutsch-russischen Jugendaustausch „Grüne Stadt. Umweltengagement für Veränderungen“ („Green city – Ecoactivism for change“) vom 23. März bis zum 1. April 2014 in Perm sind noch wenige Plätze für deutsche TeilnehmerInnen frei (18-26 Jahre alt, möglichst aus Berlin, gute Englisch-Kenntnisse). Zum Programm gehören Workshops zum Thema Stadtökologie am Lehrstuhl für Biogeowissenschaften und Naturschutz der Staatlichen Nationalen Forschungsuniversität und zu City branding und Place marketing (Partner: Management-Fakultät der Hochschule für Ökonomie). Zudem befassen sich beiderseits je ca. 15 TeilnehmerInnen mit den Permer Naturschutzgebieten „Tschernjaevskij-Wald“, „Lipovaja Gora“ und dem Nachtigallengarten am Fluss Uinka. Auch eigene Projekte sollen initiiert werden. Veranstalter sind die BUNDjugend Berlin und die Stiftung für Kultur- und Naturerbe „Obvinskaja Rosa“ (Perm). Organisatorin ist die Dönhoff-Stipendiatin des DRA, Zoia Kashafutdinova. Weitere Informationen HIER. Das Programm der Dönhoff-Stipendiaten des DRA ist in diesem Jahr mit dem Russisch-Deutschen Büro für Umweltinformation (RNEI) verbunden, das derzeit u.a. zur ökologischen Stadtumgestaltung in Perm und im Leningrader Gebiet sowie zur Unterstützung von Umweltinitiativen in diesen Regionen tätig ist. RNEI wird auch von Brot für die Welt und der Stiftung DBU gefördert.

8) DRA-Newsletter begeht Jubiläum!

Zehn Jahre DRA-Newsletter: Das sind unzählige Berichte über unsere Projekte, über Veranstaltungen und Veröffentlichungen, Bildungsreisen und Austauschprogramme. Es ist auch ein Spiegel aktueller Ereignisse in Russland, Osteuropa, in Deutschland und der EU aus Sicht des DRA. In Kommentaren gehen wir immer wieder der Frage nach, wie sich politische Entscheidungen auf die Zivilgesellschaft, auf unsere Freunde und Partner in Russland und den Nachbarländern und letztlich auch auf unsere eigene Arbeit auswirken. Und wir nehmen dazu Stellung, nutzen unsere Expertise, um Informationen weiterzugeben, Tendenzen und Handlungsoptionen aufzuzeigen, bei Bedarf Unterstützung zu initiieren – bei einem Verteilerkreis von mittlerweile rund 4.500 Osteuropa-Interessierten und vielen Institutionen. Das gesamte Archiv des Newsletters befindet sich HIER. Von Beginn an hat die Publizistin, Übersetzerin und Projektleiterin Andrea Gotzes den Newsletter entwickelt und betreut, seit dem Herbst 2013 tut dies an ihrer Stelle die Journalistin Heike Markus – und seit einem Jahr erscheint zusätzlich zweimonatlich eine russischsprachige Ausgabe, die von den Philologinnen und Dolmetscherinnen Irina Handorf und Irina Bukharkina erstellt wird. Ihnen allen dafür unseren ganz herzlichen Dank! Unseren LeserInnen danken wir für ihr Interesse und laden sie ein, auch künftig regelmäßig zu erfahren und gern weiterzugeben, wofür und wie wir uns engagieren.