Inklusion

Seminarergebnisse im Rahmen des internationalen Programmes „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“

Vom 14.–18. November 2020 fand im Kaliningrader Museum für Geschichte und Kunst ein Seminar für Mitarbeiter:innen kultureller Einrichtungen mit Vorträgen von Expert:innen aus Kultureinrichtungen und NGOs statt.

Lena Scharova, Kuratorin der Bildungsabteilung des Museums des russischen Impressionismus (Moskau), berichtete über ihre Erfahrungen mit Führungen und Ausstellungsprogrammen mit Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Besucher:innen. Darüber hinaus schilderte sie, wie das Museum Menschen mit Behinderungen als Seminarleiter, Museumsführer, Lektoren und Künstler gewinnt. So wurde beispielsweise zur Ausstellung „Ich habe das Wort! David Burljuk“ eine Theaterperformance entwickelt, bei der Blinde, Gehörlose, Taubblinde und Künstler:innen mit geistigen Behinderung die Poesie des „Silbernen Zeitalters“ mithilfe ihrer Stimme, Gebärdensprache und Körperplastik darboten. Musikalisch wurde diese Performance durch Jazz untermalt.

Im Museum des russischen Impressionismus gibt es zudem ein Tanzlabor mit dem Titel „Auf der Suche nach einem Platz unter der Sonne“ für sehbehinderte und blinde Besucher:innen. Es handelt sich hierbei um ein inklusives, genreübergreifendes Projekt, das erfolgreich im Museum umgesetzt wurde. Im Tanzlabor konnten die Gäste mithilfe von Audiodeskription Bilder anschauen und ihre Emotionen durch modernen Tanz unter Anleitung eines Choreografen wiedergeben. Bei einem weiteren einzigartigen Museumsprojekt mit dem Titel „Aroma der Epoche“ konnten blinde Besucher:innen die Atmosphäre, die auf Kunstwerken dargestellt ist, „erschnuppern“. Parfümeur:innen und Kurator:innen des Museums kreierten sechs originelle Düfte, darunter auch das auf Grundlage von Erinnerungen und dokumentierten Quellen hergestellte Lieblingsparfüm von Anna Achmatowa.

Lada Talysina, Mitarbeiterin der gemeinnützigen Stiftung „DownSide UP“ und Expertin für leichte Sprache (Moskau), erläuterte die Grundlagen für eine erfolgreiche Interaktion und Kommunikation im Rahmen von Führungen für Menschen mit Down-Syndrom. Dazu gehören die Nutzung visueller Hilfsmittel, eine schrittweise Bereitstellung von Informationen, die Reduzierung ablenkender Faktoren und das Vorführen des gewünschten Verhaltens. Die Expertin verwies darauf, dass für Menschen mit Down-Syndrom die Anpassung der Informationen – z. B. mithilfe methodischer Handreichungen für leichte Sprache – von großer Relevanz sei. Die entsprechend angepassten Texte sollten durch Fachleute geprüft werden.

Auch Lada Jefimova aus dem Sankt Petersburger Zentrum für Menschen mit Autismus „Anton tut rjadom“ („Anton ist gleich nebenan“) hielt einen Fachvortrag. Sie unterstrich die Signifikanz der sozialen Geschichte als eine Methode für die Arbeit mit behinderten Menschen. Damit ein Museumsbesuch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung oder Autismus keine Stresssituation auslöst, sollten ihnen bereits im Vorfeld Informationen über den Ort und die Veranstaltung zur Verfügung gestellt werden. Das kann auf der Webseite des Museums erfolgen. Die soziale Geschichte beinhaltet die Darstellung konkreter Situationen. Um ihren Stress zu bewältigen, lernen die im Zentrum „Anton tut rjadom“ betreuten Menschen deshalb zunächst das Museumsgebäude und dessen Umgebung kennen. Erst dann kann ein Ausstellungsbesuch für sie stressfrei erfolgen. Mitarbeiter:innen mit Besucherkontakt sollten im Vorfeld unter anderem darin geschult werden, wie sie sich Besucher:innen mit Behinderung gegenüber korrekt verhalten, welche Terminologie angemessen ist und welche Besonderheiten für die eine oder andere Ausstellung zusätzlich zu beachten sind.

Am letzten Seminartag fand eine Online-Schulung mit der deutschen Expertin Christiane Schrübbers und Mitarbeiter:innen des Bernsteinmuseums statt, bei der erörtert wurde, inwieweit diese Kultur-Piloteinrichtung für alle Besucherkategorien zugänglich ist.

Im Anschluss an die Arbeit mit den Expert:innen wurden verschiedene Maßnahmen für 2021 geplant. So wird beispielsweise für hörende Kinder mit gehörlosen Eltern ein inklusives Format entwickelt, das gleichzeitig zwei Zielgruppen erreicht: eine Führung für Erwachsene mit Verdolmetschung in Gebärdensprache sowie eine Bildungsrallye für deren Kinder. Lena Scharova vom Museum des russischen Impressionismus berichtete von einer Führung für sehende Besucher:innen, denen die Augen verbunden werden, was bei den Mitarbeiter:innen des Bernsteinmuseums auf großes Interesse stieß. Für die Umsetzung eines solchen Projektes werden nun taktile Modelle einiger Exponate des Bernsteinmuseums mit Fördermitteln aus dem internationalen Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ bestellt. Solche Führungen, bei denen jeweils ein Blinder dem Museumsführer assistiert, geben normal sehenden Menschen die Möglichkeit, sich in die Lage eines blinden Menschen einzufühlen. Für das Aufsichtspersonal sowie für die Mitarbeiter:innen an der Garderobe und den Kassen sind Schulungen zum Umgang mit Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen im Museumskontext vorgesehen. Auch die Erstellung eines Videoguides mit Gebärdensprache, der auf die Webseite des Museums eingestellt werden wird, ist in Planung. Als Expert:innen in eigener Sache sollen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen ins Museum eingeladen werden, um ihre Einschätzung über die Zugänglichkeit dieser Kultureinrichtung zu geben. Für geistig behinderte Menschen sollen Veranstaltungen im Rahmen einer Ausstellung zum Weltall durchgeführt werden, deren Eröffnung für 2021 geplant ist.

 Das Seminar wurde im Rahmen des trilateralen DRA-Programms „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ organisiert, welches in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen aus Russland, der Ukraine und Deutschland umgesetzt und aus Mitteln der Europäischen Union und des Auswärtigen Amtes gefördert wird. 

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