Sechs Jahre Donbas-Krieg: Team des Ressourcenzentrums in Slowjansk teilt ihre Erinnerungen und Gedanken

Am 12.April war es genau 6 Jahre her, dass die ostukrainische Stadt Slowjansk von russischen Staatsbürgern wie Igor Girkin und seinen militanten pro-russischen Unterstützern eingenommen wurde. Damit jährt sich in diesem Monat auch der Kriegsbeginns in der Ostukraine. Am 5. Juli 2014 wurde Slowjansk von der ukrainischen Armee wieder eingenommen – aber der Krieg dauert bis heute etwa 70 Kilometer entfernt von dieser Stadt weiter an. Anlässlich dieses Datums teilt das in Slowjansk arbeitende Team des vom DRA gegründeten Ressourcenzentrums „Drukarnia" ihre Erinnerungen und Gedanken.

Kapitalina Pasikova – Managerin von Umweltprojekten, Drukarnia:

„Ich erinnere mich noch an die ersten Menschenansammlungen auf dem zentralen Platz in der Nähe des damals noch stehenden Lenin-Denkmals. Meine Freunde und ich kamen dort hin, um zu verstehen, was dort vor sich ging. Im Fernsehen hatten wir gesehen, dass die Menschen mit Fahnen zu Kundgebungen gingen. Ich habe versucht, die ukrainische Flagge in den Geschäften vor Ort zu finden, aber das schien mir unmöglich. Dann kaufte ich 2 Stoffstücke – ein gelbes und ein blaues – und nähte sie selbst.

Am Tag der Eroberung der Stadt war ich dann in Kyjiw. Meine Mutter rief mich an. Sie sagte mir, dass sie sich eigentlich mit meinem Vater einer Menschenkette zur „Einheit der Ukraine“ anschließen wollten. Auf dem Weg dahin bemerkten sie aber eine Ansammlung von Menschen in der Nähe der Polizeistation. Als meine Eltern dann dort hinkamen, sahen sie auf einmal Barrikaden und bewaffnete Männer dort stehen. Es schien ihnen nicht mehr sicher, an der Aktion teilzunehmen. Als ich am Wochenende nach Slowjansk zurückkehrte, konnte ich meine Heimatstadt nicht mehr wiedererkennen. Es schien, als wäre ich auf einmal inmitten eines Thriller-Films gefangen. Es begann mein schlimmster Alptraum.“

Veronika Perepelytsia – Social Media und Kommunikations-Managerin, Drukarnia:

„Zu dieser Zeit habe ich in der Stadt Donezk studiert und bin nur an Wochenenden nach Slowjansk gefahren. Deswegen erinnere ich mich an diesen Tag – leider oder glücklicherweise – nicht im Detail. Ich erinnere mich allerdings, wie meine Unikurse in dieser Zeit mit einem Mal ziemlich schnell reduziert wurden – bis zur vollständigen Schließung der Uni. Während ich diese Erinnerungen aufschrieb, erinnerte ich mich auch daran, wie ich vor dem Hauptgebäude der Universität im Zentrum von Donezk stand und mehrere Hubschrauber darüber kreisen sah. Zu der Zeit verstand dort niemand, was hier wirklich begann und wohin es führen würde.

Nach 6 Jahren kann ich nur immer wieder betonen, dass die Besetzung und die Befreiung der Stadt (im Juli 2014) meine Einstellung zu Slowjansk sehr verändert haben. Für mich persönlich verwandelte sich Slowjansk von einer Stadt, die ich bis zum Jahr 2014 immer verlassen wollte, zu einer Stadt, in der es wichtig ist, zu bleiben und sich an den positiven Veränderungen zu beteiligen, die hier seit der Befreiung stattfinden.“

Artur Aheiev – Project Manager „politische Beteiligung und internationaler Austausch“, Drukarnia:

„Ich bin im August 2014 nach Slowjansk gekommen. Seitdem beobachte ich aufmerksam, wie sich der regierungskontrollierte Teil der Donezk Region zum Besseren wandelt. In den letzten 6 Jahren haben sich Slowjansk, Kramatorsk und andere Städte in der Region mehr entwickelt als ich es jemals für möglich gehalten hätte. So schrecklich der Krieg auch ist: Er hat die Donezk und Luhansk Regionen auf der mentalen Landkarte Europas und der Europäischen Union fixiert. Nun sollten wir daran arbeiten, Europa stärker auf unsere mentale Landkarte zu setzen.“

Igor Mitchnik – Büroleiter, Drukarnia:

„Slowjansk wurde zu einer symbolischen Stadt. Hier begann der Krieg vor 6 Jahren und hier brachten die Menschen unfassbare physische und psychische Ressourcen auf, um sich der Besetzung der Stadt zu widersetzen. Deswegen waren wir uns im Berliner Team einig, dass ihre Geschichten, so wie die Geschichte der Stadt selbst, nicht unerhört bleiben sollten – im ganzen Land, in Deutschland und in der Europäischen Union. Der Wunsch, die Menschen beim Aufbau einer starken, resilienten Gesellschaft sowohl in sozialer als auch in politischer Hinsicht zu unterstützen, war der Anstoß für die Eröffnung des zivilgesellschaftlichen Zentrums Drukarnia – Civil Society Center Sloviansk im September 2019.“

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