Reise zur Fankultur

Nach einem traditionellen Kennenlernabend in einem libanesischen Restaurant in Berlin-Charlottenburg begann unser Programm mit einem Besuch beim 1. FC Union Berlin, wo die Gruppe auf der Haupttribüne der Alten Försterei auf Christian Arbeit traf. Er arbeitet als Geschäftsführer Kommunikation und Stadionsprecher bei dem Zweitligaverein, und er unterstützt unsere Seminare, seit dem wir sie im Frühjahr 2014 ins Leben gerufen haben. In seinem Vortrag erklärte Arbeit die Funktion der Öffentlichkeitsarbeit in einem Fußballverein, die Zusammenarbeit mit Journalisten und Medien, aber auch die interne Kommunikation des Vereins, die bei einem fannahen Verein wie dem FCU eine ausgeprägte Rolle spielt. Aus der Sicht von Journalisten und Medien lernten die Teilnehmer das Thema Fankultur und Fußball bei einem Treffen mit den neues deutschland-Redakteuren Jirka Grahl und Alexander Ludewig im späteren Verlauf der Woche kennen, die sich seit Jahren für eine differenzierte Berichterstattung über Fans und Faninteressen einsetzen. Danach ging es in den Kiez von Johannisthal, wo ein Besuch bei der Polizeidirektion 6, Abschnitt 65, auf dem Programm stand. Die Treffen mit der Polizei, die für die Sicherheit bei Fußballspielen im und rund um das Stadion verantwortlich ist, werden bei unseren Teilnehmern grundsätzlich als positiv und überraschend aufgenommen und gestalten sich entsprechend lebendig. Denn in den autoritären Strukturen ihrer Herkunftsländer müssen sich Sicherheitsbehörden selten der Öffentlichkeit stellen oder erklären. Der erste Tag endete schließlich mit einem intensiven Treffen in der Fankneipe der Unioner, der Abseitsfalle. Dort lernte die Gruppe die Arbeit der Eisernen Hilfe kennen, eine von Fans organisierte juristische Hilfe für Fans, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Zudem sprach Anett Krause vom Gangway Fanprojekt Streetwork Alte Försterei über das Konzept der sozialpädagogischen Fanprojekte in Deutschland und über die spezielle Ausrichtung des Union-Fanprojektes, das wie alle Fanprojekte teils von Fußball und Steuergeldern finanziert wird und unabhängig von den Vereinen arbeitet. Das Projekt bietet Beratung, Hilfestellung und Begleitung in allen Lebenslagen an, egal ob im Fußballkontext (Stadionverbot, Polizei, Strafverfahren) oder bei privaten Problemen. Die Entstehung der Fanprojekte und ihre Arbeit wurde am nächsten Tag von Axel Pannicke, Mitarbeiter vom Fanprojekt der Sportjugend Berlin, eingehend vertieft. Später am Abend des ersten Tages gesellte sich ein Mitglied der Ultra-Gruppe Wuhlesyndikat hinzu. Bei dem Gespräch ging es nicht nur um die spezielle Fußballkultur der Ultras , sondern auch um deren Organisationsstruktur und ihre Haltung gegenüber der Kommerzialisierung des Fußballs. Zudem wurde auch diskutiert, ob sich Ultras als eine politische Bewegung verstehen und wie viel Politik im Stadion eine Rolle spielen bzw. nicht spielen sollte.

Das hohe Niveau des Engagements und der Selbstorganisation von Fans in Deutschland, ihr Selbstverständnis, Teil einer demokratischen Gesellschaft zu sein, und ihre ausgeprägte Selbstreflexion führte bei unseren Teilnehmern von Anfang an zu Diskussionen und Vergleichen zu ihren Ländern, wo Fans von den Autoritäten noch viel stärker als feindlich wahrgenommen werden und wo Eigeninitiative und Selbstorganisation unterdrückt bzw. nicht belohnt werden. Die Grundlage für das Selbstverständnis deutscher Fans und ihr Bewusstsein für die gesellschaftspolitische Rolle des Fußballs wurde während unseres Programms eingehend von Jochen Lesching, Mitglied im Aufsichtsrat des 1. FC Union Berlin und Vorsitzender der Union-Stiftung „Schulter an Schulter“, erörtert und diskutiert. Dabei betonte er, dass Fußball viel mehr als Fußball sei, weil das Spiel in einem besonderen Maße an das Herz der Menschen appelliere und so einen bunten und vielfältigen sozialen Raum schaffe, in dem sich Leute unterschiedlichster Couleur treffen und miteinander agieren – was dem Fußball eine besonders starke integrative Kraft verleihe. Eine Kraft, über die sich wichtige gesellschaftspolitische Themen transportieren lasse, die aber auch vor Diskriminierungen geschützt werden müsse.

Die Anti-Diskrimierungsarbeit im Fußball war somit ein weiterer Schwerpunkt unseres Seminars. Wie etwa bei der NGO Discover Football, die sich in Ländern engagiert, wo Mädchen und Frauen nicht unterstützt werden, wenn sie Fußball spielen wollen. Zudem gab es ein Treffen mit Arne Sprengel von Champions ohne Grenzen, einem Berliner Verein, der den Fußball als integrative Kraft nutzt und mit Flüchtlingen Projekte rund um den Fußball umsetzt. Sowie mit Peter Dittmann, der zusammen mit dem Berliner Verein Gesellschaftsspiele vielfältige gesellschaftspolitische Projekte im Fußballraum organisiert, wie beispielsweise eine Begegnung zwischen ukrainischen und deutschen Fans zum Thema „Fußball und Erinnerungskultur“, an dem auch ehemalige Teilnehmer unserer Seminare beteiligt sind. Über Fußball und Homophobie sprach Christian Rudolph, der die Initiative Fußballfans gegen Homophobie ins Leben gerufen hat.

Beim Oberliga-Spiel TeBe – Lichtenberg 47 und beim Zweitligaspiel 1. FC Union Berlin – Greuther Fürth besuchten wir schließlich konkrete Fußballräume, die aufgrund ihres Engagements und ihrer Vielfalt gute (wenn auch unterschiedliche) Beispiele für eine funktionierende und aktive Zivilgesellschaft sind. Vor dem Spiel der Eisernen referierte Sven Mühle als Vorsitzender des Eisernen Virus über die Geschichte des Fanengagements beim FCU. Dass Fans nicht als Kunden oder Konsumenten wahrgenommen werden wollen, verdeutlichte auch Sig Zelt, Mitglied bei Pro Fans, in einem sehr leidenschaftlich geführten Vortrag, in dem es auch um den Dialog zwischen Fans auf der einen Seite und Verbänden bzw. Vereinen auf der anderen Seite ging. Stefano Bazzano und Julia Reimann, Fanbeauftragte bei Hertha BSC, stellten schließlich die Arbeit mit Fans auf Seiten eines Fußballvereins vor.

Das sicher intensive Programm nutzten die Seminarteilnehmer auch intensiv zur Diskussion innerhalb der Gruppe, wobei Probleme in den Fanszenen der eigenen Herkunftsländer thematisiert aber auch gesellschaftspolitische Herausforderungen in ihren Ländern besprochen wurden. In der Feedback-Runde wurde einmal mehr deutlich, wie wichtig das Seminar auch in Hinsicht auf die schwierigen politischen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine ist. „Hier können wir abseits von Propaganda und Problemen auf Augenhöhe über unsere Länder reden“, sagte ein Teilnehmer aus Russland. Weiterhin betonten die Teilnehmer, dass die Mechanismen der deutschen Fankultur sich zwar nicht ohne Weiteres auf die Ukraine, auf Belarus oder Russland übertragen ließen, dass man die Erfahrungen aus dem Seminar aber als inspirierende Denkanstöße nutzen könne, um in den Heimatländern eigene Projekte auf die Beine zu stellen.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Referenten, Initiativen, Vereinen und Institutionen für die Unterstützung während des Seminar bedanken, zudem beim Fanprojekt der Sportjugend Berlin für die langjährige Kooperation und beim Auswärtigen Amt für die Förderung unseres Projektes.

Fankurve Ost

Ein Projekt des DRA e.V.

Zurück