Inklusion

„Ohne INKuLtur hätten wir uns viele Fragen gar nicht gestellt“

Natalia Garajeva, Fotoarchiv des Museums

Die Umstellung auf Homeoffice und Homeschooling trug 2020 wesentlich dazu bei, dass Bildung, Kunst und Kultur insgesamt zugänglicher wurden. Auf einmal erhielten alle Menschen die Möglichkeit, die besten Museen und Theater vieler Länder online zu besuchen. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sehr kulturelle Einrichtungen in der Lage sind, sich innerhalb kurzer Zeit anzupassen und ihre Türen für alle zu öffnen, auch für Menschen mit Behinderung. Das Museum „Omsker Kunst“ war dieser Entwicklung allerdings schon um einige Jahre voraus. Seit 2015 bieten die Mitarbeiter:innen des Museums Führungen für Menschen mit Behinderung an. Natalia Garajeva, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin, Verantwortliche für die gestalterische Projektarbeit des Museums und Autorin der Ausstellung „Geschichte der Kalligraphie“, war eine der ersten, die sich dieser Aufgabe annahm. Seit 2020 nimmt das Museum darüber hinaus am internationalen Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ teil, dank dessen es seine Arbeit um neue Bereiche erweitern kann.

– Frau Garajeva, hatten Sie Hemmungen oder Befürchtungen, als Sie zum ersten Mal eine Führung für Menschen mit Behinderung durchgeführt haben?

 – Meine erste Führung für Menschen mit Behinderungen habe ich 2015 gemacht. Damals war das Museum gerade in ein eigenes Gebäude umgezogen, in dem wir unsere Ausstellungen zeigen konnten. Eines Tages erhielten wir einen Anruf aus einer Schule für hörgeschädigte Kinder. Wir wurden gefragt, ob uns nicht eine gesamte Schulklasse besuchen könne. Ich wurde sofort panisch, denn ich hatte keinerlei Erfahrungen in der Arbeit mit behinderten Kindern. Mir wurde aber versichert, dass die Klasse mit einem Betreuer und einem Dolmetscher kommen würde, die bei der Kommunikation behilflich sein würden. Ich erinnere mich, wie wir durch den Raum liefen und ich mich während der Besichtigung bemühte, besonders klar und deutlich zu sprechen. Mir wurde allerdings recht schnell klar, dass ich mir keine Sorgen darum zu machen brauchte, jede und jeden zu erreichen, sondern dass ich auch um Unterstützung bitten und den Kindern selbst Fragen stellen konnte und von ihnen alles erklärt bekam. Nach dieser ersten Führung begriff ich, dass es möglich und notwendig ist, solche Begegnungen durchzuführen.

In Omsk gibt es schon recht lange Organisationen, die gute Angebote für Menschen mit Behinderung haben. Diese Struktur entstand in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, mit der Gründung der Sowjetunion. Alle bestehenden Organisationen verfügen über eigene Schulen und Betriebe. Mit der Zeit wandten sich nicht nur Vertreter:innen der erwähnten Schule, sondern auch andere Einrichtungen an uns. Seit das Museum 2018 schließlich in das historische Stadtzentrum umgezogen und nun bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist, beschäftigen wir uns noch aktiver mit dem Thema Inklusion.

– Was ist das Besondere an Führungen für Menschen mit Behinderung?

– Man muss mehr Pausen machen, den Zuhörer:innen die Möglichkeit zum Ausruhen geben, und man muss den Wunsch haben, eine gemeinsame Sprache mit ihnen zu finden. Eigentlich gibt es in unserem Museum schon fast alles, was notwendig ist, damit auch Menschen mit Behinderungen herkommen können: eine Rampe, einen geräumigen Aufzug mit Tasten, auf denen taktile Zeichen zu finden sind, sowie Videokameras. Unsere Mitarbeiter:innen helfen den Besuchern dabei, mit ihrem Rollstuhl ins Gebäude zu gelangen, unterstützen an der Garderobe und dabei, den richtigen Raum zu finden. Menschen mit Bewegungseinschränkungen können also jederzeit zu uns kommen. Die Kassen sind so angeordnet, dass man auch vom Rollstuhl aus bequem eine Eintrittskarte kaufen kann. Das Einzige, was im Moment noch fehlt, ist eine Ruftaste. Das wurde uns bei den letzten Seminaren klar, die wir im Rahmen unserer Teilnahme am internationalen Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ besuchten. Während des Seminars wurde uns mithilfe von Daten und Zahlen genau erklärt, wie alles gestaltet sein muss, damit Besucher:innen mit Behinderungen sich bei uns wohlfühlen können. Wichtig sind beispielsweise der Neigungswinkel der Rampen, die Frage, ob Türen verglast sind, und vieles mehr. Insgesamt ist unser Fazit, dass wir uns ohne INKuLtur viele Fragen gar nicht gestellt hätten.

– Sie sagten, dass es in der Sowjetunion gut funktionierende Strukturen für Menschen mit Behinderungen gab. Hatten Sie denn selbst Kontakt zu Menschen mit Behinderungen? Bestand nicht eher der Eindruck, dass diese isoliert von der übrigen Gesellschaft waren?

 – Meine persönlichen Erfahrungen sind wohl eher ungewöhnlich. Ich wurde 1970 geboren, also in der spätsowjetischen Zeit. Ich wuchs in einer Kasernenanlage auf, die schon per se relativ isoliert war. Aber in unserem Haus lebte ein junger Mann, der bei seiner Geburt eine Verletzung erlitten hatte und dessen geistiger Entwicklungsstand mit zwanzig Jahren dem eines sechs Monate alten Kindes entsprach. Ich kannte ihn gut, unsere Familien hatten die Wohnungen getauscht, weil seine Familie eine Wohnung im Erdgeschoss brauchte. Alle wussten, dass diese Familie es schwer hatte, und halfen, wo sie konnten. Ich habe nie eine Abneigung oder Angst vor Menschen mit Behinderungen verspürt. Überhaupt kamen nach dem Krieg immer mehr Menschen mit schweren Verletzungen in unsere Region, ohne Arme oder Beine, viele waren aus Moskau, von wo sie zwangsumgesiedelt wurden. Das war keine schöne Geschichte, aber auf jeden Fall gab es hier immer viele Menschen mit Behinderung, der Kontakt zu ihnen war etwas ganz Normales.

– Welche inklusiven Führungen gibt bereits es in Ihrem Museum, und wie laufen sie ab?

 – Wir arbeiten mit mehreren Einrichtungen zusammen, z. B. mit dem Solodnikov-Krankenhaus für klinische Psychiatrie und mit der Schule für hörbehinderte Kinder. Unser Museum verfügt über ein Atelier für gestalterische Projektarbeit, an der auch Menschen mit Sehbehinderung teilnehmen können. Jede Führung wird von uns individuell vorbereitet. Normalerweise unterscheiden sich die inklusiven Führungen nicht von denen für Menschen ohne Behinderung, aber sie erfordern einen anderen Ansatz, eine andere Sprache und ein anderes Tempo der Informationsübermittlung. Wir bemühen uns, unseren Gästen zuzuhören und auf ihre Bedürfnisse, ihr Alter und ihre Besonderheiten einzugehen.

–  Was ändert sich im Leben von Menschen mit Behinderungen, wenn sie beginnen, Kultureinrichtungen zu besuchen und sich Neues erschließen?

– Alle Menschen sind natürlich unterschiedlich. Viele Menschen mit Behinderung sind gezwungen, einen Großteil ihres Lebens zu Hause zu verbringen. Wenn sie jedoch ein Museum besuchen, erweitern sie ihren Horizont und treten in Kontakt mit anderen. Wir können beobachten, wie nach und nach ihr Selbstvertrauen wächst, wie sie sich weiterentwickeln, sich gebraucht fühlen und sich zugestehen, fast genauso zu leben wie alle anderen Menschen auch. Just heute habe ich eine unserer regelmäßigen Besucherinnen gesehen, die im Rollstuhl sitzt: Sie ist unheimlich aktiv, hat viele Follower in den sozialen Netzwerken, ist künstlerisch tätig – sie interessiert sich für alles. Und es gibt viele solcher Beispiele. Für Menschen mit Behinderungen ist es ganz besonders wichtig, sich zu beschäftigen und soziale Kontakte zu pflegen.

– Was möchten Sie im Rahmen Ihrer Teilnahme am Programm INKuLtur verändern?

 – Während der ersten Seminare wurde uns vor allem erst einmal das Ausmaß der Probleme bewusst, und wir konnten definieren, was wir direkt in den nächsten Monaten ändern können. Zunächst wollen wir im Museum Menschen mit Behinderungen alle notwendigen Informationen bereitstellen – Begleittexte, ein Leitsystem, Symbole – und außerdem die Ausstellungen so gestalten, dass sie auch für Gäste im Rollstuhl zugänglich sind. Das liegt im Bereich des Möglichen, dessen, was wir sofort umsetzen können. Über größere Projekte zu sprechen, ist es noch zu früh. Das Wichtigste aber, was sich im Museum geändert hat, ist die Einstellung der Mitarbeiter:innen. Viele von uns haben zum Beispiel nach den Seminaren gesagt, dass sie gerne die Gebärdensprache erlernen möchten.

 

Das Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ wird vom DRA e. V. gemeinsam mit Partnern aus Deutschland, Russland und der Ukraine und mithilfe der finanziellen Unterstützung der Europäischen Union in Russland und des Auswärtigen Amtes umgesetzt.

 

„Für den Inhalt dieser Publikation ist der DRA e. V. verantwortlich. Sie spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Europäischen Union und des Auswärtigen Amtes wider.“

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