Dialog

Interview mit Maria Sarycheva, Ко-Kuratorin der Wanderausstellung „Überzeugen“: „Während wir diese Geschichten zusammentragen, werden wir Zeugen grundlegender struktureller Veränderungen.“

Im Rahmen des Programms „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ wird derzeit die erste internationale Wanderausstellung über das Leben von Menschen mit Behinderungen zwischen 1945 und 2020 entwickelt. Die Autor:innen des Projektes möchten Biografien von behinderten Menschen aus drei Ländern – Russland, der Ukraine und Deutschland – sammeln und erforschen. Im Zentrum steht die Frage, wie Menschen mit Behinderungen in Zeiten grundlegender Veränderungen lebtenwas sie empfanden und wie ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aussah. So soll die langjährige Entwicklung von Inklusion auf globaler Ebene dargestellt und die Geschichte der drei Länder aus der Sicht einer besonderen Bevölkerungsgruppe aufgezeigt werden. Kurator:innen der Ausstellung Überzeugen – die Geschichten von Menschen mit Behinderung“ sind der Gehörlosenpädagoge und Leiter verschiedener Programme zur Inklusion, Vlad Kolesnikov, sowie die Kulturwissenschaftlerin Maria Sarycheva. Mit ihr sprachen wir über den Umfang der laufenden Forschung, deren Aufgaben und erste Ergebnisse. 

INKuLtur: Wie lange wird die Entwicklung der Ausstellung voraussichtlich dauernKönnen Sie uns etwas über die einzelnen Arbeitsphasen berichten? 

Maria Sarycheva: Wir arbeiten seit August 2020 an der Ausstellung. Die Eröffnung ist im 2021 geplantsofern die Pandemiebedingungen dies zulassen. Ich kam zu diesem Projekt auf Einladung meines Freundes und Mitstreiters Vlad Kolesnikov, mit dem ich schon lange Programme für gehörlose Menschen in verschiedenen Städten und Museen Russlands entwickle. Es war mir wirklich wichtigsein Angebot anzunehmen und gemeinsam mit ihm an diesem Projekt zu arbeiten. Zunächst einmal kamen wir zu der Erkenntnisdass es seit 1945 bis heute Unmengen von Geschichten von Menschen mit Behinderungen gibt, die zwar Auswirkungen auf viele Schicksale hatten, aber dennoch nie erzählt wurden. Daraus kristallisierte sich unsere Aufgabe heraus: Wir wollen die schrittweise Veränderung und die parallele Existenz unterschiedlicher Wahrnehmungen von Behinderungen in diesen Ländern darstellen und Geschichten zeigen, die bisher unsichtbar bliebenDabei ist uns die Sicht der Menschen mit Behinderung selbst wichtig, die Zeitzeugen, passive Beobachter oder aber aktive Mitgestalter von historischen Prozessen sind. 

Da wir gleichzeitig in verschiedenen geografischen Kontexten arbeiten, haben wir uns an Politikwissenschaftler gewandtdie uns die jeweiligen geschichtlichen Prozesse in den einzelnen Ländern seit 1945 chronologisch darstellten. Dann haben wir uns mit mehreren Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen in den einzelnen Ländern getroffen, die selbst verschiedene Behinderungen haben, um mit ihnen diese Chronologie zu besprechen und die Sichtweisen von Politologen ohne Behinderung um die unmittelbaren Erfahrungen von Zeitzeug:innen mit Behinderung zu ergänzen. Nun gehen wir zum nächsten Schritt über. In Russland beispielsweise gibt es Wissenschaftler:innen, die zu den Erfahrungen und Geschichten konkreter Personen und Institutionen forschendie sich mit Fragen von Behinderung in der Sowjetunion und im heutigen Russland befassenZudem suchen wir indirekte Unterstützer:innen, die Geschichten sammeln und Tiefeninterviews mit noch lebenden Zeitzeug:innen führen können. Damit wollen wir einen umfangreichen Korpus an verbalen und nonverbalen Daten über die Schicksale von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen aufbauen und diese in konkrete historische Prozesse einbetten. Analoge Datensammlungen sind auch in Deutschland und der Ukraine angelaufen. 

INKuLtur: Welche Ressourcen nutzen Sie, und wie viele Mitarbeiter:innen haben Sie? 

Maria Sarycheva: Mit Sicherheit kann ich sagen, dass mehr als 20 Personen an der Entwicklung der Ausstellung beteiligt sind. Wir arbeiten mit Fachleuten aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen; dazu gehören externe Expert:innen, Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und eine beträchtliche Zahl an Gebärdensprachdolmetscher:innen. 

INKuLtur: Warum interessieren Sie sich gerade für dieses Thema, warum ist es Ihnen wichtig? 

Maria Sarycheva: Mein Interesse am Thema Behinderung in Russland hängt mit meiner Arbeit zusammen: Ich bin Spezialistin für Barrierefreiheit in der Tretjakow-Galerie. Darüber hinaus hat mich die Historie des Themas Behinderung als akademisches Forschungsfeld, das es als solches in Russland noch gar nicht gibt, schon immer interessiert. Ganz banal ausgedrückt: Ohne Kenntnis der Vergangenheit werden wir uns nicht vorwärtsbewegen könnenGenau aus diesem Grund habe ich vor ungefähr 5-6 Jahren angefangen, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Seitdem weiß ich genau, dass es keine fertigen Lösungen oder Antworten auf ewige Fragen gibt. Das ist ein ziemlich spannender Prozess und gleichzeitig auch immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Es gibt viele Fragen, und nur Wenige haben Antworten darauf. Diese Ausstellung soll dabei helfen, Antworten zu finden, Verständnis und Akzeptanz zu fördern und gleichzeitig eine Möglichkeit sein, das Potenzial für Veränderungen auszuloten. 

INKuLtur: Worin besteht für Sie die Mission dieser Forschungsarbeit? 

Maria Sarycheva: Bei uns gibt es die disability studies oder disability history nicht als etablierten Wissenschaftszweig, und ich habe den Eindruck, dass unsere Forschungsarbeit den Wissensbereich Behinderung in den Rang einer akademischen Disziplin heben könnteNicht zuletzt vermittelt sie einem breiten Publikum mehr Kenntnis zu diesem Thema und gibt Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, Hintergründe zu erfahren, die eigenen Rechte zu schätzen und sich für die Rechte einzusetzen, die ihnen zustehen. Die Ausstellung richtet sich an verschiedene Besucher:innengruppen. Vlad und ich verstehen Behinderung als gesellschaftliches Konstrukt, so wie es in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist. Gemäß dieser Konvention werden Behinderungen durch Wechselwirkungen zwischen den Menschen geschaffen und reproduziertUnd wenn Menschen ohne Beeinträchtigungen die Anzahl von Barrieren verringern können, die sie – bewusst oder unbewusst – für Menschen mit Behinderung in Kultur-, Kunst- und Bildungseinrichtungen errichtet haben, dann hat unsere Untersuchung aus meiner Sicht ihren Zweck erfüllt. 

INKuLtur: Welche Geschichten legen Sie den Besucher:innen besonders ans Herz? Gibt es irgendwelche Enthüllungen? 

Maria Sarycheva: Ich denke, dass jedes Schicksal besondere Aufmerksamkeit verdient und jede Geschichte in die Ausstellung aufgenommen werden kann und sollte. Was Enthüllungen angeht: In diesem Prozess wird letztlich jede Geschichte bloßgelegtauch wenn manche von ihnen vielleicht banal erscheinen. Bei der Arbeit an der Ausstellung ist es vor allem wichtig, Dinge ans Licht zu holen und alternative Sichtweisen auf bereits Bekanntes zu ermöglichen. Zu Beginn des Projektes hatten Vlad und ich eine Liste von Personen, deren Biografien sich hervorragend in unserem Kontext verarbeiten lassen würden, zum Beispiel das Leben und Schaffen von dem sowjetischen  
Bildhauer Vadim Sidurder selbst aufgrund einer Kriegsverletzung  
behindert war. Ein weiteres Beispiel ist das Experiment des Kinderheimes von Sagorsk, in dessen Rahmen Wissenschaftler der Fakultät für Psychologie der Moskauer Staatlichen Universität vier vollständig taubblinde Kinder unterrichteten. Es gibt viele solcher Beispiele. Wir suchen auch gezielt nach Geschichten von behinderten Frauen oder von Behinderten, die einander sehr nahestanden. Wenn wir zum Beispiel von der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller sprechen, dann geht das nicht, ohne gleichzeitig Anne Sullivan zu erwähnen, die sie ein Leben lang begleitet hat. Ich könnte noch viele weitere und nicht weniger spannende Geschichten nennen. 

INKuLtur: Was waren die wichtigsten Erkenntnisse für Sie persönlich, was hat Sie vielleicht auch überrascht oder besonders berührt? 

Maria Sarycheva: Wir stehen ja noch ganz am Anfang unserer Arbeit. Eine unserer bisher wichtigsten Erkenntnisse ist, dass es bei Behinderungen nach wie vor Hierarchien und sogar eine Art Wettstreit unter Menschen mit Behinderung gibt. Wir haben einige Zeit gebraucht, um zu begreifen, wer es in der Sowjetunion besser hatte – Blinde oder Gehörlose. Mir macht die Tatsache zu schaffen, dass Möglichkeiten zur gegenseitigen Unterstützung oft nicht genutzt wurden, während gleichzeitig Solidarität in ganz anderen Bereichen geübt wurdeDas hat mich bekümmert und erstaunt. Auf der anderen Seite hat mich gefreut und auch überrascht, dass die Realität gar nicht so schrecklich war, wie wir vielleicht heute denken. Die Sowjetunion stellte Menschen mit Behinderung eine umfangreiche Infrastruktur bereit. Vlad und ich gehören zur postsowjetischen Generation, wir bekamen vor allem zu sehen, wie verschiedene Strukturen zerstört wurden. Doch bis zum Zerfall der Sowjetunion funktionierten viele Strukturen hervorragend. 

INKuLtur: Was für ein Feedback haben Sie bislang erhalten? 

Maria Sarycheva: Bisher gab es nur Arbeitstreffen zur Entwicklung der Ausstellung und zum Sammeln von Inhalten; ich weiß noch nicht, wie die Besucher:innen reagieren werden. Viele der Teilnehmenden an unserem Treffen im Oktober fanden, dass es eine Art besonderer Geschichtsstunde war, die sich sehr stark auf die eigenen Lebenserfahrungen bezog. Wenn man sich selbst in ein historisches Narrativ einzuordnen versteht und begreift, dass die eigene Geschichte ein Teil kollektiver Erfahrungen ist, die sich nicht in Nachrichtenportalen oder Lehrbüchern abspielt, sondern im Hier und Jetzt, dann ist das von großem Wert. 

INKuLtur: Das Thema Behinderung ist umfassend, beinahe unerschöpflich. Haben Sie schon darüber nachgedacht, was Sie mit all dem gesammelten Material tun wollen? 

Maria Sarycheva: Ja, das stimmt, manchmal ist es schwer, sich ganz allein an dieses Material heranzuwagen, man bekommt das Gefühl, diesem Thema nicht gewachsen zu sein, vor allem, wenn man selbst keine Behinderung hat. Aber trotzdem geht es voran. Wir haben die Idee, dass wir, sobald die Ausstellung erst einmal in verschiedenen Städten gezeigt wird, mit ihrer Hilfe noch weitere Geschichten sammeln können. Wir würden uns wünschen, dass die Ausstellung ständig weiterwächst, dass Geschichten aus jedem Ort, an dem sie gezeigt wird, dazukommen. Wir möchten sozusagen beim Sammeln von Geschichten einen Schneeballeffekt erzielen. Vielleicht werden wir die auf diese Weise zusammengetragenen Geschichten erst noch bearbeiten müssen und dafür Wissenschaftler:innen in diesen Prozess einbeziehen. Möglichkeiten gibt es viele. 

INKuLtur: Ähnelte denn das Leben von Menschen mit Behinderung früher demjenigen von heute? Was ist ähnlich, wo sind Unterschiede? 

Maria Sarycheva: Da ich in diesem Prozess eher die Rolle einer Beobachterin einnehme, bezieht sich meine Erfahrung hauptsächlich auf Menschen verschiedener Generationen. Zwischen ihnen sehe ich keine nennenswerten Unterschiede, Probleme gab es damals wie heute. Was sich allerdings unterscheidet, sind die Herangehensweisen an solche Probleme. Ich denke, das liegt daran, dass Menschen mit Behinderung heute verstärkt selbst für ihre Rechte eintreten, ihre eigenen Bedürfnisse und Belange klar zum Ausdruck bringen. Menschen ohne Beeinträchtigungen wiederum begegnen Behinderten immer weniger mit ausschließlich Mitleid oder als WohltäterDie Geschichte jedes Einzelnen ist einzigartig, Unterschiede zwischen Geschlechtern oder Generationen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Viele unterschiedliche Sichtweisen haben dennoch gewisse Schnittmengen, viele Menschen leben mit ihnen. Und dort, wo sie sich überschneiden, gibt es Entwicklungsmöglichkeiten. Nach dem Arbeitstreffen zur Entwicklung der Ausstellung hatte ich ein wenig den Eindruck, dass die Menschen der verloren gegangenen Infrastruktur der Sowjetunion nachtrauernSeinerzeit waren Menschen mit Behinderung zwar von der Gesellschaft isoliert, konnten aber trotzdem ein Leben in Würde führen. Die sowjetische Infrastruktur der Allrussischen Gesellschaft der Blinden sowie der Allrussischen Gesellschaft der Gehörlosen ermöglichte es Menschen mit Behinderung, sich in allen Lebensbereichen zu entwickeln. Ich habe den Eindruck, dass alles, was jetzt passiert, erst der Beginn tiefgreifender Umwälzungen ist. Während wir diese Geschichten zusammentragenwerden wir Zeugen grundlegender struktureller Veränderungen, denn die Konvention wurde in Russland erst 2012 vollständig ratifiziert, und wir haben das Gefühl, dass wir noch ganz am Anfang stehen. 

Die Ausstellung „Überzeugen – die Geschichten von Menschen mit Behinderung von 1945 bis 2020“ wird im 2021 fertiggestellt sein und zeitgleich in verschiedenen Städten Russlands, Deutschlands und der Ukraine gezeigt werden. 

Die Ausstellung wird im Rahmen des Programms „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ entwickelt. Das Programm wird vom DRA  Deutsch-Russischer Austausch e.V. gemeinsam mit Partnern aus Deutschland, Russland und der Ukraine und mithilfe der finanziellen Unterstützung der Europäischen Union in Russland und des Auswärtigen Amtes umgesetzt. 

Die im Interview zum Ausdruck gebrachten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die der Europäischen Union oder des Auswärtigen Amtes wider. 

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