Inklusion

„Inklusion stellt infrage, was „normal“ ist“. Interview mit dem Künstler und Inklusionsexperte Dirk Sorge

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Foto: © Minhye Chu

Das Interview entstand im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen INKuLtur und Berlinklusion, vertreten durch Dirk Sorge, im April 2021.

Dirk Sorge arbeitet als Künstler und Kulturvermittler in Berlin, Leipzig und Chemnitz und berät Museen, die planen, die Barrieren in ihren Ausstellungen abzubauen. Mehr zu seiner Person unter https://dirksorge.de/index.htm

Das Interview vorbereitete INKuLtur-Koordinatorin Nataliia Zviagintseva.

Nataliia Zviagintseva: Lieber Dirk, zum Anfang stelle ich dir erst eine allgemeine Frage: Wie inklusiv und barrierefrei ist deiner Meinung nach der Kultursektor in Deutschland wirklich?

Dirk Sorge: In Deutschland ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention – kurz UN-BRK) am 26. März 2009 in Kraft getreten. Seitdem hat das Thema Inklusion mehr Aufmerksamkeit bekommen, allerdings hat sich im Kultursektor relativ wenig verändert. Häufig hört man Formulierungen wie „Wir haben uns gerade erst auf den Weg gemacht“, „Es ist noch viel zu tun“ und „Erst müssen die Barrieren in den Köpfen abgebaut werden“. Tatsächlich ist Inklusion immer noch ein Nischenthema und wird im Mainstream des Kulturbereichs kaum verhandelt. Häufig wird dabei auch nur die Inklusion auf der Ebene des Publikums beachtet und an Kulturschaffende und Beschäftigte wird kaum gedacht. Ich erlebe aber auch, dass Künstler:innen und Aktivist:innen mit Behinderung lauter und selbstbewusster werden und ihre Rechte einfordern. Wir von Berlinklusion unterstützen diese Bewegungen. Wir betonen auch immer wieder, dass Inklusion eine kritische und kreative Seite hat, die einen neuen Blick auf Inhalte einer Kultureinrichtung bringt (z.B. die Frage, was ein Museum sammelt und ausstellt und wie die Objekte interpretiert werden). Diese programmatische Ebene von Inklusion wird in Deutschland bisher kaum bearbeitet.

Nataliia Zviagintseva: Welche Barrieren und Hemmnisse für erfolgreiche Inklusivität in Kulturorganisationen existieren aktuell?

Dirk Sorge: Ein großes Problem ist, dass Inklusion oft in Form von zeitlich begrenzten Projekten durchgeführt wird. Eine langfristige, strukturelle Veränderung einer Kultureinrichtung ist dadurch aber nicht möglich. Meisten konzentriert sich die Kulturorganisation dann verständlicherweise auf schnell erreichbare Ziele der Barrierefreiheit, z.B. ein Museum lässt ein Heft in Leichter Sprache drucken oder ein Theater bietet ein Stück mit Dolmetschung in Gebärdensprache an. Nur wenige Kultureinrichtungen planen im Haushalt regelmäßig Kosten für Inklusion und Barrierefreiheit ein. Wir beobachten auch, dass häufig nur die Abteilung für Bildung und Vermittlung mit dem Thema Inklusion beschäftigt ist, obwohl es eigentlich ein Querschnittsthema ist und alle Abteilungen einer Institution betrifft.

Dazu kommen noch ganz handfeste Barrieren wie der Denkmalschutz, der den Umbau von vielen alten Gebäuden blockiert, in denen sich Kultureinrichtungen befinden. In Deutschland haben verstorbene Architekt:innen mehr Rechte als lebende Menschen mit Behinderung. Zudem fehlt es auch an konkretem Wissen über Barrierefreiheit in den Kultureinrichtungen.

Ein ganz anderes Problem ist, dass repräsentative Zahlen und Statistiken fehlen, die ermitteln wie divers das Publikum, die Kulturschaffenden und das Personal in Kultureinrichtungen sind und welche Diskriminierungen im Kulturbereich vorhanden sind. Einzelne Untersuchungen wie die Studie zur Vielfalt im Film liefern teils schockierende Ergebnisse und erhöhen hoffentlich den Druck auf andere Kunstsparten.

Nataliia Zviagintseva: Wie sieht dein Alltagsgeschäft in dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz als für die Inklusion Zuständiger?

Dirk Sorge: Ich war zwei Jahre lang im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz beschäftigt und habe dort die positive Erfahrung gemacht, dass die Leitungsebene das Thema Inklusion und Diversität voll unterstützt. Dadurch sind Veränderungen viel einfacher umsetzbar als in anderen Häusern. Ich war vor allem bei der Planung und Umsetzung von temporären Ausstellungen beteiligt. Von der Auswahl der Gestaltungsfirmen bis zur Produktion der Tastmodelle und Schreiben der Audioguide-Texte war ich in vielen Arbeitsschritten involviert. Wir haben im Team nach den jeweils besten Ideen und Lösungen gesucht. Bei der aktuellen Ausstellung „Die Stadt. Zwischen Skyline und Latrine“ konnte ich auch inhaltlichen Input geben (das meinte ich vorhin mit Inklusion auf der Ebene des Programms). Wir haben uns auch auf gewisse Standards geeinigt, so dass Dinge wie Schriftgrößen und bauliche Fragen der Ausstellung nicht immer wieder neu geklärt werden müssen. Bei Fragen der Öffentlichkeitsarbeit war ich auch beteiligt und eine wichtige Aufgabe war die Vernetzung mit Akteuren der Behindertenselbsthilfe in der Stadt und in ganz Sachsen.

Ich habe sehr eng mit einem Kollegen zusammengearbeitet, der das Museum bei der diversitätsorientierten Organisationsentwicklung begleitet.  So gingen Diversität und Inklusion Hand in Hand, wie es meiner Meinung nach immer sein sollte. In Deutschland wird Behinderung leider oft getrennt gedacht von anderen Dimensionen von Diskriminierung wie Herkunft, Geschlecht, Religion, Klasse etc.

Nataliia Zviagintseva: Gleichzeitig bist du auch als bildender Künstler und Kulturvermittler tätig. Inwiefern unterscheiden sich diese zwei Perspektiven für dich in Hinsicht auf Inklusion?

Dirk Sorge: Als Künstler habe ich einen distanzierteren Blick auf gesellschaftliche Phänomene, obwohl sie mich teilweise selbst direkt betreffen. Die Distanz brauche ich, um Dinge kritisieren und verarbeiten zu können und in eine künstlerische Form zu bringen. Ich beschäftige mich z.B. damit wie Normen und Gewohnheiten entstehen, die zu Ausgrenzung und Stereotypen führen. Und wie sich das in Bildern und Narrativen einschreibt. Das Thema Ableismus beschäftigt mich seit einiger Zeit, also die Bewertung und Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten. Aus der Distanz erkennt man z.B. wie Menschenbilder mit technologischen Entwicklungen und Automatisierung zusammenhängen.

Als Kulturvermittler versuche ich Distanzen eher zu verringern und z.B. die Teilnehmenden einer Führung ins Gespräch zu bringen. Häufig setze ich Vermittlungsmethoden ein, die über das Sprechen hinaus gehen. Die können experimentell, performativ oder spielerisch sein und sollen mehrere Zugänge zu einem Thema geben. Die Distanz zwischen dem Publikum und den Künstler:innen oder Werken einer Ausstellung, die durch Ehrfurcht oder hohe Erwartungen entsteht, kann eine echte Barriere sein. Während der Führung in einem Kunstmuseum ist eine meiner Aufgaben zu verdeutlichen, dass Künstler:innen auch nur Menschen sind und dass der Wert nicht im Kunstwerk selbst liegt, sondern in der Beziehung zum Publikum.

Nataliia Zviagintseva: Letztes Jahr hatten wir in der Ukraine einen Runden Tisch zum Thema „Kunst von Menschen mit Behinderung“ veranstaltet. Dabei haben wir gemerkt, dass das Thema dort für die breite Öffentlichkeit immer noch ein Neuland ist. Wie ist die Situation mit Künstler:innen und Kulturschaffenden mit Behinderung, die professionell arbeiten, in Deutschland?

Dirk Sorge: In Deutschland ist die Situation von Künstler:innen mit Behinderung immer noch sehr schwierig. Manche versuchen, ihre Behinderung zu verstecken, aus Angst, dass die Kunst sonst plötzlich mit anderen Augen gesehen wird oder auf die Behinderung reduziert wird. Viele Kunsthochschulen sind schlecht auf behinderte Studierende vorbereitet. Meine eigene Sehbehinderung habe ich erst nach der erfolgreichen Bewerbung an der Kunsthochschule thematisiert.

In der Öffentlichkeit und den Medien wird kaum über Künstler:innen mit Behinderung berichtet. Wenn es doch geschieht, ist es manchmal sensationslustig und ableistisch („der blinde Pianist hat ein besonders sensibles Gehör“). Viele denken bei dem Thema auch nur an Kunst, die in Werkstätten von Menschen mit Behinderung entsteht. Diese Werkstätten sind teilweise sehr problematisch und halten die Künstler:innen in einem System der Abhängigkeit und des Machtungleichgewichts gefangen. Sie sind ein Verstoß gegen die UN-BRK. Viele professionelle Künstler:innen möchten nicht damit in Verbindung gebracht werden.

Bei Berlinklusion sprechen wir oft von „Disability Arts“ statt von „Behindertenkunst“, um den negativen Beigeschmack zu vermeiden. D.h. wir suchen eher die Verbindung zu einem englischsprachigen Diskurs, der erst allmählich in Deutschland ankommt. Leider schaffen wir durch die englischsprachige Benennung aber neue Barrieren und Ausschlüsse, weshalb wir damit noch nicht glücklich sind.

Nataliia Zviagintseva: Und jetzt komme ich zu meiner Abschlussfrage: Wie verstehst du Inklusion?

Dirk Sorge: Inklusion stellt infrage, was „normal“ ist. Das kann für manche Menschen unbequem sein, die sich in der Normalität schön eingerichtet haben. Manche glauben, durch Inklusion sollen alle Unterschiede ignoriert werden und alle Menschen werden gleich gemacht. Das ist aber Quatsch und das Gegenteil ist der Fall: Inklusion ist der Prozess, der dazu führt, dass Ungleichheiten wertgeschätzt und respektiert werden. Es wird anerkannt, dass eben nicht alle gleich sind und dass Bedürfnisse verschieden sind. Alle sind gleichberechtigt aber nicht gleich. Das kann bedeuten, dass mehrere Auswahlmöglichkeiten angeboten werden müssen, damit es Entscheidungsfreiheit gibt. Dafür ist zum Beispiel Transparenz wichtig. Das Ziel ist letztendlich Selbstbestimmung.

Barrierefreiheit ist eine Voraussetzung für Inklusion. Aber Barrierefreiheit allein reicht nicht aus, wenn Machtstrukturen, Haltungen und Gewohnheiten nicht reflektiert werden. Das Argument „Wir haben das immer schon so gemacht“ hat keine Gültigkeit mehr in einer inklusiven Gesellschaft.

Nataliia Zviagintseva: Lieber Dirk, ich danke dir für dieses Gespräch!

 

Das Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ wird vom DRA e. V. gemeinsam mit Partnern aus Deutschland, Russland und der Ukraine und mithilfe der finanziellen Unterstützung der Europäischen Union in Russland und des Auswärtigen Amtes umgesetzt.

„Für den Inhalt dieser Publikation ist der DRA e. V. verantwortlich. Sie spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Europäischen Union und des Auswärtigen Amtes wider.“

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