"Die Vergebung": Wolgograd 70 Jahre nach Kriegsende. Ein Film von Peter Scheiner

Vor genau fünf Jahren, am 9. Mai 2015, war der Schweizer Filmemacher Peter Scheiner, mit einer Gruppe westdeutscher Christen in Wolgograd, die sich dort anlässlich des damals noch 70. Jahrestages des Kriegsendes entschuldigen wollten. Seine Dokumentation (hier der Trailer, der Film soll im Juni erscheinen), zeigt die ganze Widersprüchlichkeit dieser Versuche, die Geschichte durch gemeinsame Erinnerung zu "überwinden":
Es beginnt mit dem kommentarlos auf die Brust gehefteten sog. Georgsband, das heute in Russland die patriotisch-propagandistische Ausbeutung des sowjetischen Sieges von 1945 für die alleinigen Macht- und Deutungsansprüche der russischen Führung im eigenen Land wie in der Außenpolitik sogar noch stärker kennzeichnet als die jährlichen Paraden auf dem Roten Platz, die nur diesmal, erzwungen vom Corona-Virus, entfällt. Die Betonung der Begegnungen, der Segenswünsche und Trinksprüche auf das Deutsch-Russische, die in Wolgograd natürlich ist, wirkt dennoch unbedacht, unreflektiert - oder sogar schlimmer. War etwa der sowjetische nur ein russischer Sieg, war der alliierte etwa nur ein sowjetischer Sieg? Waren die Opfern nur sowjetisch, oder waren da nicht auch viele andere? Dem Rabbi in Wolgograd ist die von der Moskauer (Großmacht-) Politik betriebene Verengung auf die eigene Opfer- und Heldengeschichte schon damals nicht geheuer - bis 2020 hat das noch einmal zugenommen.

Und ein Jahr nach dem Einfall russischer Truppen in die Ukraine spielte in Wolgograd der Umstand, dass der Krieg dort nicht beendet ist, die Krim annektiert von eben jener russischen Führung, der Donbas praktisch besetzt, keine Rolle. Dafür aber der lautstarke Putin-Kult, und mit der worte- und wärmereichen Vergebungsgeste der rheinländischen Gäste können manche in Wolgograd nichts anfangen - wirtschaftliche Kooperation suchen sie eigentlich mehr. Aber einige erzählen auch vom Alltag, der hinter den Festfassaden steht - authentisch, voll von Fragen und Ambivalenzen.

Peter Scheiner ist in diese Gruppe eher zufällig geraten, die - angeführt von dem Adligen Graf Salm zu Salm - hoffte, mit der Bereitschaft zur Reise und eigenen Geste etwas zur Verständigung und Versöhnung in Europa leisten zu können. In seinem eigenen Leben, das im slowakischen Teil der Tschechoslowakei begann und nach dem sowjetischen Einfall in Prag 1968 in die Schweiz vertrieb, sind diese Heimat und die Geschichte der jüdischen Gemeinde, in die er hineingeboren wurde, von größerer Bedeutsamkeit. Etliches, was er 2015 erlebte, war und blieb ihm selbst befremdlich.
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Der DRA hat Peter Scheiner seit Herbst 2018, als unser Verein eine Voraufführung des noch damals noch unfertigen Films in Berlin organisierte, immer wieder begleitet, befragt und beraten. Der rund 90-minütige Film, der Peter Scheiner auch erhebliche eigene Gelder gekostet hat, soll nun auf Filmfestivals und Veranstaltungen gezeigt und diskutiert werden - er wird es wert sein auch weit über den 75. Jahrestag hinaus: Weil er Fragen berührt, die nicht verschwinden, die der Schuld und Weitergabe von Verantwortung, die der verschiedenen Erwartungen und Beschreibungen, die der teilweisen Blindheit gegen die politischen Umstände und Verzerrungen, die des zum Teil naiven Wünschens wohlmeinender Einzelner gegen harte geopolitische Strategien von Machtpersonen und -gruppen. Die der unveränderten Manipulierbarkeit von Öffentlichkeit, allen Erfahrungen aus der Geschichte zum Trotz.

Wer sich für den Film interessiert, erreicht Peter Scheiner unter:
AVA Scheiner AG
Neugasse 6, CH-8805 Zürich
Tel +41 (0)79 402 27 85
mail: info@ava-scheiner.ch
www.ava-scheiner.ch
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Was er selbst über den Film schrieb: Der fast fertiggestellte Film "Vergebung?" ist jetzt sehr aktuell und dies umso mehr, wo die Feierlichkeiten und die Militärparade 75 Jahre Kriegsende in Moskau und Wolgograd 2020 nicht stattfinden können.
www.facebook.com/Vergebung-111675917088159/?modal=admin_todo_tour
http://www.vergebung-stalingrad.ch/

Die Schlacht von Stalingrad ist eine der barbarischsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges und gilt als psychologischer Wendepunkt des Deutsch-Sowjetischen Krieges. Seit vier Jahren lässt uns, meine Frau Susanne und mich, das Dokumentarfilmprojekt «Vergebung?» nicht mehr los. Der Film begleitet eine Gruppe Christen aus Deutschland, die an den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Wolgograd (ehemals Stalingrad) teilnehmen und im Namen ihrer Vorfahren bei den russischen Nachfahren um Vergebung bitten. Der Film zeigt die Kuriosität dieses Aufeinandertreffens.
Ist Vergebung möglich? Ein Film aus Schweizer und jüdischer Perspektive über die Nachfahren von Tätern und Opfern, die bemüht sind, eine gemeinsame Sprache zu finden.
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Peter Scheiner in der Schweizer Filmographie - mit Biografie und weiteren Filmen von ihm:
Geboren 1947 in Nove Zamky, (SK). Schweizer und Slovakische Bürgerschaft. Ausbildung als Kameramann im Kurzfilmstudio Bratislava. 1962-65 Korrespondent für das Slowakische Fernsehen. 1965-68 Kameramann für Filmstudio Bratislava, 1968 auch für ORF. 1968 Emigration in die Schweiz. Arbeit als Kameramann im Zoologischen Museum der Universität Zürich. 1987 Gründung der AVA Scheiner AG (Industrie-, Wirtschafts- und Dokfilmproduktion) in Zürich. Tätigkeit als Produzent und Filmemacher.
www.swissfilms.ch/…/id_per…/D605279E7E954B0F98EC9000650A2CC3

Weitere Filme:
2019 Schritt für Schritt
2017 Ende der Erinnerung?
2017 Aus Galizien in den Aargau — Epilog
2012 Naive Träume
2007 Aus Galizien in den Aargau
2001 Erinnerungen für die Zukunft
2000 Zebra Bar

Schritt für Schritt - über die jüdische Gemeinde in P. Scheiners Geburtsstadt Komarno (Slowakei) seit 1945:
www.ava-scheiner.ch/index.php…
Zu Beginn der 1940er Jahre lebten in Komárno 2743 Juden, nur 248 haben den Holocaust überlebt, heute zählt die Gemeinde noch 58 eingeschriebene Mitglieder. Hat Komárno diesen tiefen Einschnitt in seiner Geschichte überhaupt verarbeitet? Und wie sieht ein im Ausland lebender, nur selten heimkehrender Komarner die Entwicklung, insbesondere in den letzten 20 Jahren. «Schritt für Schritt» ist ein Film über Empathie und Gleichgültigkeit und eine Fortsetzung von «Erinnerungen für die Zukunft» und «Naive Träume».

www.artfilm.ch/de/aus-galizien-in-den-aargau
Ausgehend von einer Reise nach Mosty Wielkie (heute Ukraine), in die Stadt, in der Jerzy Czarnecki seine Jugend verbrachte und die er 1942 verlassen musste, geht der Film den Orten und Ereignissen nach, die für sein Leben bestimmend waren: Die Flucht vor den Nazis im II. Weltkrieg Annahme einer falschen Identität, Zwangsarbeit als vermeintlich arischer Pole in Deutschland, nach dem Krieg Ausbildung zum Elektroingenieur, Aufbau eines neuen Lebens in Polen und, nachdem 1967 dort ein virulenter Antisemitismus ausbricht, Emigration in die Schweiz.

www.artfilm.ch/de/ende-der-erinnerung
Wie, es gab einen Verein von Holocaust-Überlebenden in der Schweiz? Und dieser löste sich auf? Weshalb löste er sich auf und was sagt dies aus über unser Verhältnis zur Geschichte? Was sagt dies aus über die Schweiz? Ist die Vergangenheitsbewältigung hierzulande etwa abgeschlossen, die Aufarbeitung zu Ende?

Die Vergebung - Trailer

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