Kommentar

Die Erinnerung ergänzen – zum Gedenken an den Überfall auf die Sowjetunion heute vor 75 Jahren

Es ist die Erinnerung an geschätzte 27 Mio. Opfer allein auf sowjetischer Seite, schließlich auch an die schwer errungene Wende in diesem brutalen Eroberungskrieg und die Niederlage des Dritten Reiches 1945. Es ist eine bedrückende Geschichte, wie eine totalitäre, nationalistisch-rassistische Innenpolitik, die unzählige Menschen verschiedenster Gruppen gnadenlos verfolgte – darunter die jüdische Bevölkerung, Liberale, Sozialisten, Homosexuelle, Sinti und Roma, Behinderte und viele andere – sich in einer mörderischen, imperialen Militärintervention gegenüber anderen Ländern fortsetzte.

Ab dem 22. Juni 1941 betraf dies auch sowjetische Soldaten, Kriegsgefangene, Zivilisten, Zwangsarbeiter_innen, Vertreter_innen von Staat, Intelligenz und Gesellschaft aller Ebenen wie seit dem 1. September 1939 schon die vieler anderer Länder. Daher ist es politisch und menschlich verständlich und notwendig, dass von dem Gedenken an diesen Vernichtungskrieg auch das Verhältnis Deutschlands zu den Ländern Osteuropas bis heute stark geprägt wird. Es ist einer der Gründe, warum unser Verein DRA – der Deutsch-Russische Austausch – 1992 seine Arbeit begann: um in historischer Verantwortung zur Verständigung der Völker in Ost und West beizutragen.

Doch diese Erinnerung an die Geschichte und das daraus erwachsene Verantwortungsbewusstsein bedürfen heute in der Bundesrepublik und den anderen europäischen Ländern, auch in Russland, wichtiger Erweiterungen und Präzisierungen. Dazu gehört es, zu begreifen und in der öffentlichen Darstellung zu verankern, dass außer Russland auch weitere Länder in der Nachfolge der Sowjetunion stehen, die in ähnlicher Weise Opfer des Krieges waren. Auch auf den Gebieten der heute unabhängigen Ukraine und Belarus sind Millionen Menschen der deutschen Wehrmacht, der SS sowie deren Verbündeten zum Opfer gefallen. Auch Menschen aus den zentralasiatischen Republiken und aus Regionen wie dem Kaukasus halfen, den Faschismus in Europa zu besiegen – und viele von ihnen erlebten diesen Sieg nicht mehr. Alle diese Menschen und Länder dürfen nicht mehr, wie es zurzeit ständig geschieht, aus der Erinnerung herausfallen: Sie haben gleichen Anspruch auf Ehrung.

Wir alle müssen uns der Schwierigkeit aussetzen, zu einer umfassenden, komplexen Kenntnis der Ereignisse in jenen Jahren zu kommen, nicht die Augen vor Widersprüchlichkeiten zu verschließen und aus ihnen zu lernen. Dies sollte einschließen, dass wir verstehen, dass die Aufarbeitung des Vernichtungskrieges in Deutschland trotz aller Institutionen und Initiativen noch immer unvollständig ist, solange sie zum Beispiel in vielen Familien nicht geschieht und für viele undeutlich ist, wie grausam sich Krieg und Besatzung für die Menschen in Osteuropa ausgewirkt haben. Es sollte natürlich einschließen, dass in Deutschland und überall sonst in dringlicher Weise an den Überfall der Wehrmacht erst auf Polen am 1. September 1939 und wenig später zahlreiche weitere Staaten erinnert wird.* Dass aber auch in Russland und den übrigen postsowjetischen Republiken der Molotow-Ribbentrop-Vertrag von 1939 und die nachfolgende Besetzung großer Teile Polens und weiterer Länder durch sowjetische Truppen ab dem 17. September 1939 als Verbrechen eben dieser Sowjetunion verstanden und akzeptiert werden. Wir brauchen mehr Debatte über die doppelte Okkupation vieler Länder Osteuropas und deren Auswirkungen, wir brauchen mehr Kenntnis und Würdigung für die damaligen Versuche der nationalen Selbstbewahrung und des Widerstands vor Ort, und wir brauchen eine offene Diskussion über Kollaboration mit Diktatoren und eigener Beihilfe zu Mord und Verfolgung. Erreicht werden sollte auch, dass in Russland auch gemahnt wird an das, was die postsowjetischen Nachbarn längst verinnerlicht haben: dass auch die Massenrepressionen unter Stalin die Verteidigungsfähigkeit der Sowjetunion zusätzlich dezimiert und weitere Opfer bewirkt haben.

Vor allem aber ist es wichtig, die Lehre aus dem nationalsozialistischen Angriffskrieg und den europaweiten Verheerungen zu aktualisieren: Sie heißt immer noch, dass nie wieder wahnhafter Nationalismus - immer wieder als „Patriotismus“ verbrämt - zu Angriffen gegen andere Völker führen darf. Nicht zuletzt wendet er sich früher oder später auch gegen das eigene Land. Sie heißt aber auch, dass, wer einst überfallen wurde, heute kein Vorrecht behaupten kann, sich angeblich „natürliche“ Einflusssphären unter Bruch der internationalen Normen und eigener Verträge einzuverleiben, wie dies 2014 durch die russische Führung geschah. Eine der entscheidenden Schlussfolgerungen aus dem II. Weltkrieg ist gerade die Wahrung der Souveränität aller Länder, ob groß oder klein, ob prosperierend oder in Krisen gefangen, und das grundsätzliche Verständnis, dass Konflikte in Europa durch Vermittlung und Verhandlungen auszutarieren sind und die Rechte Dritter nicht beschädigt werden dürfen.

Daher ist auch die Europäische Union eines der wertvollsten Elemente im Erbe des Weltkriegs, als ein zwar komplexer, schwieriger, vielstimmiger, oft langsamer, bürokratischer, eigenmächtiger Koloss, aber doch als eine Institution, die in Europa viel Gemeinsamkeit und Interessenausgleich gestiftet und zur Alltagspraxis gemacht hat – bei wachsender Bedeutung des Parlaments. Die aktuelle Gefährdung des Zusammenhalts der EU durch wiederum nur national begriffene Prioritäten stellt diese Verantwortung für die Lehren aus dem II. Weltkrieg grundsätzlich in Frage.

Die gemeinsame Vertrauens-, Vermittlungs- und Handlungsfähigkeit der Länder in Europa auf einer demokratischen Basis ist die Dimension, die morgen beim Referendum über den Ausstieg Großbritanniens aus der EU zur Entscheidung steht. Dies ist die Dimension, die die deutsche Politik in ihren Moderationsbemühungen im Konflikt um die Ostukraine zugrunde legen muss. Und es muss ein gemeinsames Ziel bleiben, auch Russland und die anderen Länder Ost- und Südosteuropas schrittweise zu einem integrierten, integrativen Teil dieser Gemeinsamkeit zu machen. Damit würden wir der riesigen Aufgabe aus dem 22. Juni 1941 gerecht. Das ist es, was der DRA auch weiter in seiner täglichen Arbeit, in offenen Begegnungen, Bildungs-, Projekt- und Diskussionsformaten zu leisten suchen wird.

*Der nochmalige explizite Hinweis auf den deutschen Überfall auf Polen und weitere Länder ab 1939 wurde zur historischen Verdeutlichung nachträglich eingefügt.

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