Das Forumtheater stellt sich kriegsbedingten Konflikten im Institut für Fremdsprachen von Gorlovka

16 Fachhochschulen im Donezker Gebiet mussten aufgrund des Krieges in der Ostukraine in andere Städte der Ukraine umgesiedelt werden. Über die Probleme dieser Bildungsinstitutionen, wird nur wenig berichtet – über die dabei entstehenden internen Schwierigkeiten noch weniger. So muss das Institut für Fremdsprachen von Gorlovka bereits seit drei Jahren aus Bachmut bei Donezk agieren.

Im Rahmen des Kleinprojektes „Urban Theater“, das im Rahmen unserer Schulungsreihe „Forumtheater zur Dialog- und Friedensarbeit“ initiiert wird, haben die Studierenden der Fachhochschulen in Bachmut einen Raum für Dialoge erhalten, in dem sie unter Begleitung von Projektleiter und Trainer Vladislaw Gluschko, mittels Forumtheater. über die im umgesiedelten Institut für Fremdsprachen von Gorlovka entstandenen Probleme und Konflikte zwischen den Studierenden sprechen konnten. Vladislaw ist Mitglied der NGO „Mitzna Gromada“ und zugleich Teilnehmer unserer Schulungsreihe „Forumtheater zur Dialog- und Friedensarbeit“, in deren Rahmen das Kleinprojekt von uns finanziell gefördert und fachlich unterstützt wird. Mit seinem Projekt kann Vladislav das in der Schulung erworbene Wissen direkt in die Tat umsetzen.

Ein wesentliches Ziel des Kleinprojekts „Urban Theater“ besteht darin, dass die Studierenden für die Ursachen der bestehenden Konflikte sensibilisiert werden und diese erkennen können. Darüber hinaus soll das Projekt dazu beitragen, bestehende Vorurteile und Stereotypen gegenüber binnengeflüchteten Studierenden abzubauen oder gar aufzulösen.

Hierfür bietet die Methode des Forumtheaters dem Publikum eine aktive Teilnahme am Geschehen auf der Bühne und fordert zur kreativen Mitgestaltung der Handlung auf: Während der Aufführung kann Jeder und Jede nach eigenem Ermessen auf die Entwicklung der Handlung Einfluss nehmen, indem man beispielsweise die Schauspieler austauscht beziehungsweise ersetzt, oder einen anderen Handlungsverlauf für die Konfliktlösung anbietet. Die gesamte Veranstaltung wird von einem geschulten Moderator, dem sogenannten Joker des Forumtheaters, koordiniert, der auch die anschließenden Forumsdiskussionen nach jeder Intervention und am Ende der Aufführung leitet.

Eine Gruppe von 19 Studierenden, die zur Hälfte aus Binnengeflüchteten besteht, nimmt an dem Kleinprojekt „Urban Theater“ teil. Unter der Anleitung des Trainers Vladislaw Gluschko wurden, während des Trainings die Szenen von den Studierenden selbst geschrieben. Diese basieren sich auf realen Geschichten und aktuellen Problemen und Konflikten des Universitätslebens.

Dass die Themen aktuell und diskussionswürdig sind, so erklärt Vladislav, haben die emotionalen Diskussionen und zahlreichen Gespräche der Teilnehmenden während der Vorbereitung des Forumtheaters deutlich gezeigt. „Ich habe mir als Thema meines Forumtheaters das Institut für gewählt, nicht zuletzt weil ich ein Student dieser Hochschule bin. Mir liegen daher vor allem das Schicksal des Instituts und die Beziehungen zwischen den Studenten am Herzen. Vor dem Projektbeginn war mir bewusst, dass es viele Probleme gibt, die durch die kriegsbedingte Umsiedlung entstanden sind.“

Als eine Art Wiedergeburt des Instituts kann der Neuanfang in Bachmut gewertet werden: Neue Unterrichtsräume und Unterkünfte für Studierende sowie eine neue, methodische Operationsbasis, und vieles mehr sind dabei entstanden. Auch das Anwerben der erforderlichen Mindestanzahl neuer Studierender, von der maßgeblich die Zukunft dieser Hochschule abhängt, stellte große Herausforderungen dar. Die Hochschule stand somit kurz vor der Schließung, was den Wechsel der Studierendenschaft an andere Hochschulen und die Arbeitslosigkeit der Lehrenden zur Folge hätte. Um dieses Problem zu lösen und die Schließung zu vermeiden, haben sich mehrere Studierende zusammengeschlossen, um die Hochschule attraktiver zu machen und sich für deren Erhalt zu engagieren. Durch unterschiedliche Aktionen ist es ihnen gelungen, das öffentliche Interesse an der Hochschule zu wecken und so die Anmeldungen der Studierenden zu erhöhen.

Doch das größte Problem stellen die durch die Kriegserfahrungen und die notgedrungene Umsiedlung ausgelösten Traumata dar. So wirkt sich die Trennung von Familie und Freunden, der Wegfall von Sicherheit und der Verluste des eigenen Zuhauses besonders auf den psychischen Zustand der Studierenden und Lehrenden aus, die sich zum Teil noch immer in einem dauerhaften kriegsbedingten Stresszustand befinden. Zusätzlich zu den Aktivistentätigkeiten müssen die Studierenden, besonders die Binnengeflüchteten, Nebenjobs aufnehmen, um das Studium zu finanzieren.

Für die bereits bestehende Studentenschaft der Stadt Bachmut wurden die Umsiedlung des Instituts für Fremdsprachen von Gorlovka und die damit verbundenen Herausforderungen, wie überfüllte Studentenwohnheime oder neue Regelungen für die Evaluation der Studienleistungen, ebenfalls zu einem unerwarteten Stressfaktor, der natürlich auch zu Spannungen führte.

Die Situation wurde zudem noch durch die Tatsache erschwert, dass alle Studierenden, sowohl die Geflüchteten als auch die lokalen Einwohner_innen in einer permanenten Angst und Unruhe leben, da die Stadt Bachmut nur wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt.

All diese Umstände erschweren das Studium und führen leider auch dazu, dass die Studierenden Vorlesungen fernbleiben oder ihren Studienplan nicht einhalten können. Um diese engagierten Studierenden nun zu unterstützen, hat das Bildungsministerium der Ukraine eine neue Regelung eingeführt: Nach Prüfung durch das Lehrpersonal kann jeder Student und jede Studentin für die aktive Tätigkeit zur Förderung der Hochschule zusätzlich fünf Leistungspunkte und somit einen Anspruch auf ein erhöhtes Stipendium erhalten. Diese Regelung gibt jedoch auch Grund für neue Konflikte, denn diejenigen, die sich nicht gesellschaftlich engagierten und somit mehr Zeit zum Lernen hatten, finden es ungerecht, dass Punkte „verschenkt“ werden. Durch die Vergabe der zusätzlichen Punkte sollen jedoch der Zeitverlust beim Lernen und die daraus resultierenden Lernausfälle ausgeglichen werden.

Um die Konfliktsituation aus den verschiedenen Perspektiven zu zeigen, setzten sich die Teilnehmenden des Kleinprojekts zum einen aus den engagierten Studierenden zusammen, die für ihre Aktivitäten zum Erhalt der Hochschule die zusätzlichen Punkte erhalten, und zum anderen aus Studierenden, die den Lehrplan erfüllen und mit dem neuen Bewertungssystem nicht einverstanden sind.

Die aus drei Szenen bestehende Inszenierung wurde dann für die Studierendenschaft der Fachhochschulen und für die Einwohner der Stadt Bachmut aufgeführt, und im Anschluss mit den Zuschauer_Innen über die verschiedenen Lösungen für die bestehenden Konfliktsituationen diskutiert. In der Forumsdiskussion wurde deutlich, dass die in der Aufführung gezeigten Konflikte, sowohl für die Studentenschaft des Instituts für Fremdsprachen von Gorlovka als auch für die anderen Universitäten im Bahmut und den Einwohner der Stadt, aktuelle Spannungsfelder darstellen. Das Kleinprojekt „Urbantheater“ konnte dank der Methode des Forumtheaters die notwendige Plattform aufbauen, um einen offenen Dialog über diese aktuellen Konflikte führen und neue andere Beziehungen zwischen den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Diskussion, die zugleich auch Beteiligte des Konfliktes sind, aufbauen zu können. Nach der Diskussion waren denn auch die binnenvertriebenen Studierenden, Dozierenden sowie die lokale Bevölkerung zu deutlich mehr Kompromissen und Zusammenarbeit bereit.

Zurzeit bewerben sich immer mehr lokale Abiturient_Innen am Institut für Fremdsprachen von Gorlovka, aber die Türen stehen auch zukünftigen Studierenden aus den nicht von den ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten von Donezk- und Luhansk offen. Die Frage der Integration und des gegenseitigen Verständnisses zwischen den Studierenden wird noch lange Zeit ein aktuelles Thema dieser Hochschule bleiben.

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